Schiffbau in der Krise?

Stornierungen von Aufträgen und Entlassungen von Arbeitskräften in einigen westdeutschen Werftbetrieben, die vor einigen Tagen bekannt wurden, haben die Konjunkturpessimisten auf den Plan gerufen. Der Schiffbau sei dabei, so ist zu hören, in eine Krise hineinzuschliddern. Dem ist nicht so. Die Zahlen und die Fakten sprechen eine andere Sprache.

Die Beschäftigung im Weltschiffbau ist in keiner Periode der bisherigen Wirtschaftsgeschichte so hoch gewesen wie im letzten Jahrzehnt. Die Zahl der Stapelläufe und Ablieferungen stieg von Jahr zu Jahr an, um im Jahre 1957 mit einem fertiggestellten Handelsschiffsraum von 8,12 Mill. BRT einen neuen Rekordstand in Friedenszeiten zu erreichen. Im Jahre 1955 waren 4,97 Mill. BRT abgeliefert worden, und im Jahre 1956 waren es 6,29 Mill. BRT gewesen.

Seit mehr als Jahresfrist ist nun in der Weltschifffahrt eine ausgesprochene Flaute eingetreten. Die Raten sind bis in die ersten Monate dieses Jahres ständig zurückgegangen. Sie halten sich seither mit nur noch geringen Schwankungen auf dem Niveau, das vielen Reedern keine

ausreichende Rentabilität des Betriebes mehr verspricht, besonders dann, wenn hohe Abschreibungssätze in die Kalkulation mit eingehen.

Naturgemäß hat diese Schiffahrtsbaisse auf den Umfang der Neubestellungen eine höchst ungünstige Auswirkung gehabt. Seit dem vergangenen Jahre verzeichnen fast alle Werften in der Welt nur noch geringe Auftragszugänge, nachdem vorher jahrelang ein Auftragsboom geherrscht hatte, der die Orderbücher in einem noch.nie gekannten Ausmaß gefüllt hatte. In steigendem Umfang werden seit Herbst 1957 bereits fest erteilte Aufträge wieder storniert. Im ganzen haben die Annullierungen sogar schon eine ansehnliche Höhe erreicht, wobei der Schiffbau in anderen Ländern teilweise stärker betroffen wurde als die deutsche Werftindustrie.

Dessenungeachtet ist auch heute noch der Auftragsbestand der überwiegenden Mehrzahl der Werften, die sich mit dem Bau von Seeschiffen befassen, als recht hoch zu bezeichnen; er reicht in der Regel für eine Weiterbeschäftigung der Schiffbaubetriebe für mehrere Jahre aus. Wie aus dem jetzt vorgelegten neuen Quartalsbericht von Lloyd’s Register of Shipping hervorgeht, sind im ersten Halbjahr 1958 in der Welt – mit Ausnahme der Sowjetunion und der Volksrepublik China, aber unter Einschluß der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands – 4,52 Mill. BRT Schiffsraum fertiggestellt worden; dies ist mehr als in irgendeinem vergleichbaren Zeitraum des vergangenen Jahrzehnts. Es kann schon jetzt vorausgesagt werden, daß das Ergebnis des Weltschiffbaues im Jahre 1958 abermals höher liegen wird als im Jahre zuvor.

Seit dem Jahre 1956 steht als Schiffbauland an erster Stelle Japan, das Großbritannien auf den zweiten Platz verdrängt hat. An dritter Stelle steht der deutsche Schiffbau. Auch der westdeutsche Schiffbau ist nach wie vor voll beschäftigt. In den ersten fünf Monaten 1958 (die Halbjahresergebnisse liegen noch nicht vor) wurden von ihnen 112 Seeschiffe mit 419 000 BRT abgeliefert gegenüber 114 Schiffen mit 352 000 BRT im gleichen Zeitraum 1957. Auch in den kommenden Monaten ist mit einem Anhalten dieser Aktivität zu rechnen, denn die Auftragsbücher sind sehr gut gefüllt Man sollte? also die hin und wieder bekannt werdenden Stornierungen von Aufträgen sowie die partiellen Entlassungen nicht überschätzen; denn im ganzen liegt die Zahl der in der Schiff bauindustrie beschäftigten Personen auch heute immer noch höher als vor Jahresfrist. Die Entlassungen, wie sie in diesem Jahre beispielsweise von den bundeseigenen Kieler Howaldtswerken und der AG „Weser“ vorgenommen wurden, hatten mehr innerbetriebliche oder einmalige Gründe, wie im Falle der Kieler Werft der Rückgang der Reparaturtätigkeit oder das Ausbleiben von entsprechenden Anschlußaufträgen nach dem Auslaufen des sowjetischen Großauftrags auf Fischfabrikschiffe. Viele Unternehmen des Schiffsbaues sind auch dazu übergegangen, ihren Personalbestand, der im vorigen Jahre im Zeichen der damaligen Konjunkturerhitzung – vielleicht etwas übereilt – mit berufsfremden Kräften Aufgefüllt worden war, auszukämmen und auszulesen. Mit Massenentlassungen haben diese Vorgänge aber nichts zu tun. Der vorliegende Auftragsbestand gibt den meisten Werften eine volle Beschäftigung bis in das Jahr 1961 hinein, teilweise noch länger. Hieran dürften vorerst auch weitere Auftragsannullierungen, mit welchen in Anbetracht der anhaltenden Flaute in der Weltschiffahrt zu rechnen ist, nicht viel ändern. kt