„Wir lernen überall, wo wir lernen können“ – Resümee einer Informations-Reise

Von Werner Meyer

In zahlreichen Gesprächen und Debatten mit leistenden Persönlichkeiten des polnischen Wirtschaftslebens wurde uns immer wieder bestätigt, daß das Ziel der gegenwärtigen polnischen Wirtschaftspolitik einzig darin bestehe, den Lebensstandard der Bevölkerung weiter zu heben. Ein besseres und leichteres Leben für die Massen – darüber zerbrechen sich in Polen die Nationalökonomen nicht nur den Kopf; sie dürfen sogar versuchen, ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Der unter der Leitung der Professoren Oskar Lange und Czeslaw Bobrowski stehende Wirtschaftsrat hat zwar nur beratende Punktionen, Die Ratschläge werden jedoch nicht in den Schubladen versenkt; sie werden genau geprüft, vom Parlament diskutiert und sogar durchgeführt!

Dank dem verstärkten Einfluß der Nationalökonomie – eine Folge des Regimes Gomulka – hat der polnische Wirtschaftssozialismus erheblich von seiner Starrheit eingebüßt, obwohl Polen zweifellos ein sozialistisches Land geblieben ist. Rund 70 v. H. des Volkseinkommens werden in der kollektiven Sphäre erzielt, und auch die Privatwirtschaft – die sich zum größten Teil aus landwirtschaftlichen Betrieben und Kleingewerbetreibenden zusammensetzt – kann nicht als frei im westlichen Sinne bezeichnet werden. Es wäre falsch, anzunehmen, daß die Ansätze zur Förderung der Kleinbetriebe, die in den letzten Monaten Aufsehen erregt haben, irgendeine Abkehr von der sozialistischen Grundidee der geplanten Wirtschaft bedeuten. Gegenüber der bisherigen starren Form einer zentralistisch geleiteten und völlig durchgeplanten Produktion vom Rohstoff bis zum Verbrauch ist allerdings der Versuch neu, den Ablauf der Wirtschaftstätigkeit und damit gleichzeitig die Erfüllung des Planes undogmatisch mit einem „Reizsystem zu sichern, das weitgehend der Marktwirtschaft abgelauscht wurde.

Undogmatische Pragmatiker

„Wir lernen überall, wo wir können sagte uns ein führender Nationalökonom. Man kann daher Leute offiziell in Polen auf dem Boden des Sozialismus stehen und gleichzeitig undogmatischer Pragmatiker sein.

Kein Zweifel, daß der neue Kurs in Polen auch wirtschaftliche Erfolge zu verbuchen hat. Der Lebensstandard ist heute höher als vor dem Krieg. Die Auflockerung und Dezentralisierung der Wirtschaft hat im laufenden Jahr trotz neuer Schwierigkeiten den Fortschritt beschleunigt. Im ersten Quartal 1958 ist Verglichen mit dem Vorjahresquartal die Bruttoproduktion um 11 v. H. (1957 9 1/2 v. H.) gestiegen. Die Kohlenproduktion, die 1957 leicht rückläufig war, hat sich um 4 v. H. erhöht. Die Fortschrittsrate der Elektrizitätserzeugung stieg von 8 1/2 auf 14 v. H. Die Leichtindustrie produzierte um 9 v. H. (8 v. H.) mehr als im Vorjahr. Aufs Ganze gesehen erhöhte-sich die Produktivität der Arbeit um 7 v. H. (4 1/2 v. H.). Obwohl die Bevölkerung schließlich schon mit jeder Ausgabe in Form von hohen Verbrauchssteuern einen Obulus an das kollektive Sparen und Investieren entrichtet, äußert sich das wachsende Zutrauen in die Währung in einem steilen Anstieg der privaten Sparrate. Wie sehr sich die Verhältnisse seit 1937 geändert haben, geht aus folgenden Produktionszahlen hervor: