Selten noch hat man es so deutlich sehen können wie gerade jetzt, daß Ost und West gleichermaßen an Disintegration leiden. Gewöhnlich nämlich treten die Symptome dieser Krankheit im Westen so viel deutlicher in Erscheinung, daß man darüber die Risse im Ostblock ganz vergißt oder sie gar nicht erst wahrnimmt. Dabei sind sie dort viel peinlicher als bei uns, wo es sich doch meist um ganz ordinäre Interessenkonflikte handelt, für die sich ein Ausgleich schon finden läßt. Aber drüben, da leiden sie an ideologischer Zersetzung, und das ist im allgemeinen ein unheilbares Leiden.

Schon seit mehreren Monaten fiel auf, daß China in Fragen der Ideologie eine sehr viel strengere Haltung einnimmt als Moskau, so beispielsweise im Falle Tito. Zuvor in jener glücklichen Epoche – da Maos „hundert Blumen“ in voller Blüte standen und sich noch nicht, wie Nehru neulich ein wenig spitz meinte, in Unkraut verwandelt hatten –, schienen die Chinesen sehr viel verständnisvoller über ideologische Eigenwilligkeiten zu urteilen als der Kreml. Es gab nach dem polnischen Aufstand in Posen im Juni 1956 eine ganze Menge Anzeichen dafür, daß die Chinesen dem nationalen Kommunismus wohlgesonnen waren, ein Eindruck, der durch den achten chinesischen Parteitag im September 1956 noch einmal bestätigt wurde. Die Zeit aber ist nun endgültig vorbei.

Heute sei, so meinen einige Sachverständige, China sehr viel weniger an Entspannung, an Kontakten und Koexistenz gelegen als Rußland. Im Gegenteil, Peking brauche das harte Klima kompromißloser Unterwerfung und wasserdichte Abschließung von der übrigen Welt. Mag sein. Vor einigen Wochen gaben die Chinesen Unruhen in Singkiang zu, und jetzt wurde im Zusammenhang mit dem abgesagten Besuch Nehrus wieder von Aufständen in Tibet berichtet. Jedenfalls will es schon etwas heißen, daß Chruschtschow zu Mao fuhr, und nicht Mao zu Chruschtschow kam.

Und dann die neuen Spannungen zwischen Kirche und Kommunismus in Polen. Kenner des Landes meinen, die Attacke Gomulkas auf das Kloster Jasna Gora bei Tschenstochau – das seit den Tagen des 30jährigen Krieges das Nationalheiligtum aller polnischen Katholiken darstellt –, sei weniger eine aggressive als eine defensive Handlung. Die Kirche habe während der letzten zwei Jahre an. Bedeutung im öffentlichen Leben Polens in genau dem Maße zugenommen, in dem die kommunistische Ideologie abgenommen hat. Mit anderen Worten, dem kommunistischen Staatschef bleibe gar nichts anderes übrig, als dem Katholizismus Schach zu bieten, wenn er und seine kommunistische Lehre nicht allmählich zu völliger Belanglosigkeit verurteilt werden wollten.

Bei uns im Westen vermag man sich nicht einmal angesichts drohender Katastrophen über so zweitrangige Fragen wie Ort und Datum einer Konferenz zu einigen. Die Großmacht Frankreich hat ihre gesamte Armee jenseits des Mittelmeeres isoliert, England brauchte neulich 7 Tage, um 3000 Soldaten mit gecharterten Zivilmaschinen nach Arabien zu fliegen, Griechenland und die Türkei, der Eckpfeiler der NATO, sind so verfeindet, daß sie nicht einmal gemeinsam ins Manöver ziehen ... Da ist es denn ganz tröstlich zu wissen, daß von dem monolithischen Block, der einst von der Elbe bis Wladiwostok reichte, auch nicht mehr die Rede sein kann.

Dff.