Die freien Aktionäre der Metallhüttenwerke Lübeck AG – etwa 95 v. H. des Grundkapitals von 24 Mill. DM sind im Besitz der Flick-Gruppe – die zur Hauptversammlung in Lübeck erschienen waren, hatten ihre Fäuste zumindest schon in der Tasche geballt. Ihr Ärger, der sicher nicht zuletzt auf die von der Gesellschaft schon seit Jahren durchgezogenen hohen Gewinnvorträge gerichtet war, kam nicht mehr zum Ausbruch. Die Verwaltung überraschte mit der Erklärung, daß man außer der vorgeschlagenen Dividende von wieder acht v. H. eine Sonderausschüttung bewilligen wolle. Der ausdrückliche Hinweis, daß diese zusätzliche Ausschüttung – sie beträgt eins v. H., wodurch sich der Gewinnvortrag auf rund 0,11 Mill. DM ermäßigt – nach Maßgabe des Geschäftsergebnisses nicht gerechtfertigt sei, wurde durch detaillierte Angaben vor allem über die Umsatzentwicklung bekräftigt. Das Geschäftsjahr 1956/57 war danach zumindest nicht besser als das Vorjahr.

Man hätte nun annehmen sollen, daß durch die Auskunftsbereitschaft des Vorstandes und durch das Entgegenkommen mit der Sonderausschüttung eine Entspannung der Atmosphäre auf Seiten der Kleinaktionäre eintreten würde. Wenn dem nicht ganz so war, dann wegen eines sehr verunglückten Auftritts eines jungen Mannes, der sich als Vertreter des Darmstädter Kohlenhändlers Erich Nold ausgab. Seine ihm sicherlich mitgegebenen Fragen über die Ertragslage eines unter Anlagen erscheinenden Landgutes Dummersdorf sowie über eventuell bestehende Forderungen gegenüber Vorstandsmitgliedern wurden von der Versammlung mit Unwillen quittiert. Es fielen Worte wie „Niveaulosigkeit“. Selbst der Hinweis eines Abgesandten der Schutzvereinigung, daß der besagte junge Mann wissenschaftlich mit einer Arbeit über das Auskunftsrecht des Aktionärs beschäftigt sei, war wohl nicht gerade als Entschuldigung gedacht.

Ganz mysteriös wurde es aber, als ein dem Aufsichtsrat angehörender Vertreter des Großaktionärs eine Aktientransaktion aufdeckte, die Herrn Nold – oder in diesem Falle seinem Adlatus – angeblich unbekannt war. Ein Aktionär, dessen Name nicht genannt werden soll, hatte seine Stimmen – 200 an der Zahl – Herrn Nold überlassen und ihn mit der Vertretung beauftragt. Nicht lange zuvor, so erläuterte der Flick-Vertreter, waren von diesem Aktionär Aktien über nominell etwa 20 000 DM zum Kauf angeboten und diese waren auch übernommen worden. Woher kamen dann aber die weiteren 200 Stimmen? Diese Frage blieb offen. Bei der Abstimmung zu Punkt drei der Tagesordnung (Beschlußfassung über die Entlastung des Vorstandes und des Aufsichtsrates) und zu Punkt vier (Satzungsänderung betr. Paragraph 9, Amtsdauer des Aufsichtsrates) wurden diese Stimmen gegen die Verwaltung abgegeben. Eines aber war der Verwaltung gelungen: Die um die einprozentige Sonderausschüttung aufgebesserte Dividende fand die einstimmige Billigung der anwesenden Aktionäre. S. E.