Diesem Grundschnitt folgen zunächst die Jackenkleider, die keine Schöße mehr kennen. Sie reichen kaum bis zur Taille und sind eigentlich eine Abwandlung vom Bolero und vom Caraco. Kurze, oft doppelreihige Jäckchen bedecken hochgeschlossene oder bescheiden dekolletierte Blusen aus abweichendem Material, die an den hohen Kostümrock angesetzt sind: sie leiten eine Renaissance der „faux deux-pieces“ ein. Halsferne Kragen sind verschwunden, ihre Nachfolger reichen dicht an den Hals heran, sie sind meistens so hoch, daß das Kinn und das halbe Gesicht verdeckt sind.

Ein Kapitel für sich sind Tages- und Abendmäntel mit ihren taillentief eingesetzten Ärmeln. Über den malerischen Capemantel führt der Weg zum regelrechten langen Cape, dessen tiefgestellte Armschlitze wenig Bewegungsfreiheit gewähren ... vom Paketetragen oder Regenschirm-Öffnen ganz zu schweigen. Mantel- und Capeschnitte sind cocon- oder tonnenförmig und entfalten Breite und Fülle in der Höhe der Hüften.

Für festliche Gelegenheiten hat St. Laurent ein Stil-Potpourri komponiert, das die Ungebundenheit und Freizügigkeit des zeitgemäßen Abendanzugs illustriert. Hochbusige, schlanke Gewänder aus Tüll, Chiffon oder Seide spiegeln Empire- und Directoire-Reminiszenzen; üppige, kostbare Gala-Toiletten sind von Gemälden italienischer Renaissance-Künstler und von der Epoche Goyas inspiriert. Pikante, jet- und perlenbestickte Samt- und Satinmasken auf seidenbezogenen, weißen oder schwarzen Griffen werden zu barocken, witzigen Modellen in der Hand getragen – ein zeitfern wirkendes Mittel zu Flirt und Spiel. Als Antipoden treten herbe, kurztaillige, schwarze, schmalärmelige Abendkleider aus derber, rustikaler Wolle auf.

Mit der seriösen, von der Stimmung seiner vorigen Kollektion stark abweichenden Konzeption des Frauenbildes hat sich St. Laurent von der Nachwuchsgruppe der Haute Couture stilistisch entfernt. Sein Stil ist gereifter, Sensationen sind tabu. Gegen den hier und da gehörten Vorwurf, daß er sich zu stark an Traditionen anlehnt, kann man einwenden, daß das Neue um jeden Preis nicht immer identisch mit dem Schönen ist. Aber ein ungewöhnlich begeisterter Kommentar, daß „der Besuch der Dior-Kollektion ebenso wichtig sei wie der der Weltausstellung in Brüssel“ ist mit einigen Körnchen Salz zu genießen.

Denn die nur wenig älteren Kollegen der gleichen Generation, die sich ihre Vorrangstellung allein und ohne Finanzdecke errungen haben, bieten ebenfalls beachtliche Leistungen modischer Voraussicht und Aktualität, wenn auch der Rahmen bescheidener und der erste Eindruck dadurch weniger überwältigend ist... unter ihnen vor allem Pierre Cardin und Guy Laroche. Cardin, der die kürzesten Mäntel und Kleider (50 cm vom Boden) riskierte, sprüht von Einfällen; seine Kollektion gilt als eine der ideenreichsten. Mit selbstsicherer Kühnheit führt er sein Thema – das Champignon-Motiv – folgerichtig durch eine Sammlung von 175 Modellen, die durch die Zwanglosigkeit ihrer Schnitte bestechen. Mädchenhafte, schlichte Mohairmäntel, deren tellerrunde, schulterbreite Dachkragen wie Orgelpfeifen abgesteppt sind, kurze Abendmäntel aus authentischen, japanischen Brokaten – das Resultat einer Reise nach dem Fernen Osten – mit Chinchilla, weißem oder naturfarbenem Nerz gefüttert; das kleine, schwarze Kleid, hochtaillig und mit witzigen Effekten; Après-Ski-Anzüge mit hautenger Lame- oder Brokathose und Ponchobluse aus pastellfarbener Mohairwolle; Perücken, die verflochten mit dem eigenen Haar, Geisha-Frisuren hervorzaubern – all das sind Musterbeispiele einer unalltäglichen Phantasie, die sich am Exotischen entzündet.

Stoffe und Farben, die in den meisten Kollektionen wiederkehren: für den Tag: grobe, einfarbige, gemusterte und karierte Tweeds, Boucles und Bouclettes, Etamines, locker gewebter Mohair, dicke, rustikale Wollstoffe; für den Abend: viel Samt, schwarz und in leuchtenden Farben, Spitze, Chiffon, blütenbedruckte Satins, Tüll, brochierte und matelassierte Seiden, Lamés und Brokate.

Farben: „les couleurs mortes“ – die Farben des herbstlichen Waldes, braune Nuancen, dunkelgrau (gris de Paris – im Hause Dior vorherrschend), kräftige rote Töne. Für den Abend: neben Pastelltönen viel Schwarz und Weiß, oder eine Kombination von beiden.