New Delhi: Kanonenboote gegen arabischen Nationalismus, das ist Irrsinn

Von H. w. Berg

New Delhi, Anfang August

Der gutaussehende, stets elegant gekleidete amerikanische Botschafter in Beirut ist in Delhi kein Unbekannter: Mr. McClintock vertrat hier im vergangenen Jahr seine Regierung auf der Internationalen Konferenz des Roten Kreuzes. Er setzte es – gegen den Rat befreundeter Delegationen – durch, daß zum Schluß die Formosa-Delegierten als Vertreter Chinas zur Konferenz zugelassen wurden. Aus Protest verließ daraufhin annähernd die Hälfte der übrigen Rote Kreuz-Abordnungen den Sitzungssaal.

An diesen amerikanischen Pyrrhus-Sieg (gegründet auf die Bündnistreue einem Alliierten gegenüber) fühlt man sich hier angesichts der Ereignisse im Nahen Osten erinnert. Weder überschätzt man dabei Mr. Clintocks Rolle noch unterschätzt man das Dilemma, in dem sich die Washingtoner Politik auf Grund der Eisenhower-Doktrin und der Bagdadpakt-Verpflichtungen im Nahen Osten befindet, aber man bezweifelt die Weisheit einer Politik, die auch in diesem Fall keine bessere Gewinnchance als die eines Pyrrhus-Sieges besitzt. Und tief bestürzt stellt man fest, daß Washington bereit war, für solch dürftige Chance das Risiko eines dritten Weltkrieges einzugehen.

Natürlich wissen die Inder sehr wohl, daß die amerikanische Regierung den großen Krieg nicht wollte und nicht will; aber man hat hier die unglückliche Dulles-Äußerung nicht vergessen, daß sich die Politik der Stärke oft hart am Abgrund des Krieges bewegen müsse. Eben diese Auffassung steht der indischen Konzeption diametral entgegengesetzt gegenüber. Dabei verkennt man hier keineswegs, daß auch die Beschwichtigungspolitik ihre Gefahren hat; doch erschöpfen sich nach indischer Meinung die Möglichkeiten der Politik nicht in diesen beiden Extremen der Stärke und der Schwäche, wie sie als treibende Kraft oder als Komplex die Washingtoner Entscheidungen während der letzten Jahre bestimmt haben.

Die indische Kritik an der amerikanischen Sicherheitspaktpolitik hat sich von Anfang an vor allem gegen das Bagdad-Bündnis gerichtet. Einmal deshalb, weil der Paktstaat Pakistan nie einen Hehl daraus machte, daß ihn die Rüstungshilfe nicht gegen die Sowjets, sondern gegen die Inder stärken solle. Zum anderen erschien den Indern die antisowjetische Zielsetzung des Paktes nur ein sehr fragwürdiges Mittel zu sein, mit dem der Westen: seine eigenen und nicht die arabischen Interessen zu schützen versuchte.