Die Wagner-Festspiele stellen ihren bei den Angehörigen vieler Nationen zusammengesuchten „Nachwuchs“ vor

Von Johannes Jacobi

Das interessanteste Ereignis der Bayreuther Festspiele ist in diesem Sommer nicht irgendeine Neuinszenierung, sondern es ist die Besetzung so auffallend vieler Partien durch neue Sänger. Gewiß wurde Richard Wagners „Lohengrin“ durch Wieland Wagner auch in einer für Bayreuth neuen Inszenierung aufgeführt; doch der Regisseur und Bühnenbildner folgte dabei grundsätzlich, wie er betonte, seiner Hamburger Inszenierung desselben Werkes (über die in der ZEIT Nr. 1/1958 berichtet worden ist).

Mit der Tatsache, daß gleichwohl nicht ein Sänger aus der Hamburger „Lohengrin“-Aufführung für dieselbe Partie nach Bayreuth übernommen wurde, beginnen die Überraschungen. Zählt man die Nebenrollen hinzu, so tauchten fast zwei Dutzend Sängernamen neu in Bayreuth auf. Bewährte und bekannte Kräfte verschwanden. Andere, von denen einige nie zuvor eine Wagnerpartie gesungen hatten – zum Beispiel der Lohengrin-Darsteller – stellten sich als Bayreuth-Debütanten vor.

Von der Festspielleitung wurde das als „Nachwuchspflege“ bezeichnet, von Wieland Wagner in einer Pressekonferenz außerdem mit dem erschreckenden Schwinden jener Stimmen erklärt, die Wagner-Opern singen können. Dazu ist zu sagen: Festspiele sind – nach ihrer von Richard Wagner geprägten Begriffsbestimmung – maßstäbliche Veranstaltungen, für die das Beste gerade gut genug, höchstmögliche Vollkommenheit Verpflichtung sein sollte. Den „Nachwuchs“ festspielreif zu machen, das dürfte die Aufgabe jener Repertoire-Bühnen sein, denen Bayreuth mit ausgereiften Realisationen als Vorbild denen sollte.

Bedeutete der Ruf nach Bayreuth einst die Bestätigung einer Persönlichkeit, die Krönung einer Sängerlaufbahn, so scheint das unter den stürmischen Gralshütern auf dem Festspielhügel heute anders geworden zu sein. Sie wollen durch ihre Inszenierungen schockieren und durch das Experiment die Wagner-Landschaft beleben Sie scheinen auch durch ihre Wagnersänger-Lotterie das singende Wagner-Personal für interessierte Bühnen vermehren zu wollen.

Der Schein jedoch trügt hier wie dort. Es hat sich herausgestellt, daß der Schock und die ihm folgende „Weltdiskussion“ das zugkräftigste Werbemittel sind. Als 1956 Wieland Wagners „Meistersinger“-Inszenierung erstmals in der Bayreuther Festspielgeschichte laute Proteste sogar im Zuschauerraum hervorrief, da hat ein internationales Reisebüro der Festspielleitung fünf ausverkaufte Vorstellungen derselben Inszenierung garantiert, falls nichts daran geändert werde. Als so attraktiv wird von Werbespezialisten des Fremdenverkehrs der Theaterskandal eingeschätzt.