Keiner soll behaupten, daß die SED keinen Sinn für Romantik habe. Im Gegenteil: „an Romantik“, so versicherte Ulbricht vor dem FDJ-Aktiv Berlin, „fehlt es bei uns nicht“. Als Beweis für romantisches Treiben auch in der DDR nennt der SED-Sekretär den Bau von Entwässerungsanlagen, nämlich die freiwilligen Verpflichtungen, „in diesem Jahr 70 Kilometer Gräben zu räumen“. Auch die Beteiligung von Jugendbrigaden beim Ausbau des Rostocker Hafens gilt im SED-Jargon als „romantisch“.

Doch auch wer seine romantische Gesinnung persönlich zur Schau tragen möchte, kommt in Ulbrichts Reich auf seine Kosten. Farbige Hemden, wie sie der Westen liebt, sollen jetzt auch in der volkseigenen Industrie hergestellt werden. Allerdings fragt Ulbricht: „Wozu müssen Jugendliche solche Hemden mit Bildern von Texas tragen?“ Wo doch Texas „eine solch reaktionäre Gegend“ sei und niemals „Vorbild“ für einen rechten FDJ’ler. Wenn es schon Hemden oder Schlipse mit Bildern“ sein müssen, dann doch lieber „solche mit dem Bild von Tschapajew oder von den Helden von Vietnam oder Araber“. Denn: „wir sind für die um ihre nationale Souveränität kämpfenden Araber und nicht für Texas“. Schwarze Hosen und schwarze Hemden, auch bei Ostberliner Teenagern geschätzt, sehe Ulbricht lieber durch „schöne leuchtende Farben“ ersetzt, die vor allem „die Mädel“ kleiden sollen, „so wie sich das gehört in einem Land, wo der Sozialismus aufgebaut wird“. Die Sackmode hingegen, „die mögen sie in den USA tragen“. Grund für diese Ausführungen: – „damit ihr nicht denkt, daß wir uns nicht mit der Romantik beschäftigen“. S. L.