S. L., Berlin

Sind die Pferde schon unterwegs?“ fragte früh um fünf ein aufgeregter Mann an der Gedächtniskirche. Auch der Schupo, der sich am Tiergarten ans Wagenfenster beugte, wollte wissen: „Wie weit sind die Pferde schon?“

Der West-Ost-Transport der kupfernen Siegesgöttin und ihres Viergespanns hatte trotz der frühen Morgenstunde viele Berliner auf die Straße gelockt – oder doch auf die Balkons, wo sie, in Morgenröcke gehüllt und mit Ferngläsern bewaffnet, Zeugen der historischen Kavalkade sein wollten. Die Photoamateure hatten ihre große Stunde; von der Bildgießerei in Friedenau bis zum Brandenburger Tor säumten sie den Weg oder radelten dem Zug voraus, um das dankbare Motiv der amputierten Quadriga mit allen markanten Punkten der Berliner Stadtlandschaft zu kombinieren.

Über ein Jahr lang arbeitete die Westberliner Bronzegießerei Noack an der Wiederherstellung des berühmten Wahrzeichens vom Brandenburger Tor, nachdem der Ostberliner Magistrat sich im September 1956 entschlossen hatte, die rote Fahne, die seit dem Einmarsch der Roten Armee vom Giebel wehte,, wieder durch Schadows Monument zu ersetzen. Sämtliche Gipsteile des Denkmals, das bei der Schlacht um Berlin zerstört worden war, befanden sich glücklicherweise in Westberlin. Dort wurde der Neuguß vorgenommen, während Ostberlin das Brandenburger Tor renovierte.

Mit Meßlatte und Zentipietermaß wurden die Rösser aus dem Fabrikhof auf die Straße manövriert. Dann schwenkte der erste Kranwagen, ein pendelndes Quadrigapferd am Drahtseil, knapp unter der niedrigen Stadtbahnunterführung auf die Bundesallee ein. Mit aufgeblendeten Scheinwerfern, von Polizei eskortiert, von Radfahrern umschwirrt und von vielen Wagen gefolgt, rollten die kupfernen Pferde, jedes an einem Kranwagen hängend, durch die Berliner Straßen: fröhliche Rösser mit heiter gelassenem Gesichtsausdruck, die Nüstern gebläht und die Vorderhufe kokett erhoben.

Man hat den Pferden eine künstliche Patina verliehen, ein lichtes Grün, das sie von ihren Vorgängern auf dem hohen Postament des Brandenburger Tors nicht unterscheiden wird. „Die sieht ja aus, als sei sie tausend Jahre alt!“ rief in staunender Bewunderung der zuständige Ostberliner Direktor Mayer, als er tags zuvor die patinierte Siegesgöttin in Empfang nahm.

Vor dem Brandenburger Tor fahren die Kranwagen nebeneinander auf. Einen Augenblick lang sieht es so aus, als wollten sie im Viererzug durch die Toreinfahrt nach Osten. Doch, das majestätische Nebeneinander ist nur eine Abschiedsformation für Westberlin und ein Geschenk an die Photographen. Dann rollen die Rösser hintereinander durch die sonst versperrte Mitteleinfahrt, die breite „Kaiserdurchfahrt“ des Brandenburger Tors. Selbst das eigensinnig quergestellte lerne Pferd passiert den Engpaß ungeschoren.