Das muß wahrhaftig eine arge Plackerei gewesen sein, dieses Werk zu vollenden, das Herausgeber und Mitarbeiter jetzt als „Einführung in das Geschehen der Gegenwart“ unter dem Titel Die Internationale Politik 1955 der Öffentlichkeit vorlegten. Ein Marsch durch die weltpolitische Landschaft eines Jahres – über tausend Seiten!

Ein dicker Wälzer... Aber wer heute, wie es die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik unternimmt, ein internationales politisches Jahrbuch herausbringt, das aus dem Blickpunkt der deutschen Politik – zum erstenmal wieder – den Lauf der Welt verfolgen will, und wer auf den ersten Band einer solchen Reihe die Jahreszahl 1955 schreibt – der darf mit seinem Überblick und seiner Analyse schließlich nicht erst im Januar 1955 beginnen. Und so reichen denn auch die Kapitel dieses Bandes ein ganzes Jahrzehnt zurück und versuchen, dem Leser die großen Ströme nachzuzeichnen, die in die Politik des Jahres 1955 einmünden, jenes ereignisreichen Jahres der Gipfelkonferenz von Genf und des Treffens der afroasiatischen Völker in Bandung.

Hier haben wir nun also auch unser deutsches außenpolitisches Jahrbuch: Gewiß braucht es sich hinter seinen großen Vorbildern nicht zu verstecken, dem englischen The Annual Register of World Events, dem französischen L’Année Politique und dem amerikanischen The United States in World Affairs. Und doch hieße es die Bewunderung für den immensen Fleiß, der hier am Werke war, übertreiben, wollte man sagen, diese Publikation sei ein ganz und gar glücklicher Wurf und habe bereits ihre endgültige Form gefunden.

Die Herausgeber haben hoch gegriffen: Nachschlagewerk und tiefgehende Analyse – beides in einem soll das Jahrbuch sein. Aber weil dies beides zu vereinen eben eine so vertrackt schwierige Sache ist, ging denn bei dem vorliegenden Jungfern-Band manches daneben: Das Nachschlagen erweist sich als mühsamer, als es mit der Geduld des Auskunftsuchenden vereinbar ist, und die Analyse läuft bisweilen sosehr in die Breite, daß zu befürchten steht, am Ziele komme nur noch der emsige Autor, nicht aber der erschöpfte Leser an.

Weil das Kompendium in den Details zu vollständig sein wollte, bleibt es im ganzen – gemessen an seinem Zweck – unvollständig. Gewiß: dieses Buch soll kein meinungsfreies und nur auf die Übermittlung knapper Fakten ausgerichtetes politisches Lexikon sein. Aber es fragt sich eben doch, ob es gut ist, der urteilenden Analyse der verschiedenen Autoren einen so breiten Raum zu geben. Der Leser, der, sagen wir, von den Pariser Verträgen ein Bild gewinnen will, muß sich in vielen Kapiteln durch viele Betrachtungen (aus jeweils anderer weltpolitischer Sicht) recht langwierig hindurcharbeiten. Dann kann er sich das Bild, das er gewinnen wollte, vielleicht machen. Bricht er indes, was sehr wahrscheinlich ist, vorher schon ab – dann mag es leicht geschehen, daß sein Bild bedenklich einseitig bleibt.

In der Anlage ist das Buch vorzüglich. Eine durchdringende Betrachtung von Professor Arnold Bergstraesser über die „Weltpolitische Dynamik der Gegenwart“ gibt einen 50-Seiten-Auftakt, von dem man nichts missen möchte. Im umfangreichen (zu umfangreichen) Regionalteil folgen Einzeluntersuchungen, und zwar auf das glücklichste gegliedert in: Westliche Welt, Sowjetsysteme und Entwicklungsländer. Das Schlußkapitel gibt einen konzisen Überblick über die Weltpolitik im Jahre 1955.

Über einzelne kleine Fehler, die den wenigen – und daher im geographischen Umfang ihrer Arbeiten gewiß überlasteten – Autoren unterlaufen sind, möchte ich kein Lamento anstimmen. Doch sei der Wunsch an die Herausgeber, die ja sicherlich den zweiten Band schon unter den Fingern haben, sehr deutlich betont: Bitte das nächste Mal nicht nur an den Leser denken, der sich ausgiebiger Lektüre gemächlich hingeben kann, sondern auch an den, der sich einigermaßen geschwind und zuverlässig orientieren möchte. Wie wäre es da zum Beispiel mit einer übersichtlicheren graphischen Gliederung, mit deutlicheren Hervorhebungen und vielleicht sogar mit kleinen Randzeilen?