Während der letzten Wochen, in denen wir uns, meine verehrten Leser, nicht unterhalten haben, ist an der Börse sehr viel geschehen. Das plötzliche Aussteigen der ausländischen Spekulation aus den deutschen Wertpapieren in Verbindung mit dem Nah-Ost-Konflikt hatte ein paar Tage lang kräftige Kursstürze zur Folge. Mit der inzwischen eingetretenen Beruhigung im arabischen Raum kommen auch die Ausländer wieder an die deutschen Märkte zurück, so daß die Kurseinbußen vom vorigen Monat nahezu völlig eingeholt sind. Glücklicherweise hat sich die deutsche Kundschaft von den wenigen schwachen Börsentagen kaum beeindrucken lassen. Wer klug war (und die Nerven dazu hatte), hat die billigen Kurse zum Kaufen ausgenutzt. Nur ein paar sehr Vorsichtige haben sich von der Verkaufswelle der Ausländer mitreißen lassen – und stellen nun fest, daß sie einen Verlust erlitten haben. Die Folge: man beklagt sich über die mangelnde Kurspflege an den deutschen Börsen und meint damit die Banken, die das angebotene Material in den kritischen Tagen erst auf einer stark ermäßigten Basis aufgenommen haben. Ich meine, daß diese Vorwürfe – soweit sie den Aktienmarkt betreffen – ungerechtfertigt sind. Es kann nicht Aufgabe der Banken sein, bei internationalen Krisen die Börse ohne Rücksicht auf Verluste zu stützen, zumal wenn sie merken, daß ihre eigene Kundschaft ohnehin die Nerven behält. Aktien sind eben Risikopapiere, dafür haben ihre Inhaber aber auch gute Aussicht auf Kursgewinne.

Natürlich haben die Kursbewegungen in den „heißen“ Tagen des Libanon-Konfliktes die Diskussionen über die Berechtigung der jetzt erreichten Aktienkurse von neuem entfacht. Die Meinungen prallen hart aufeinander. Die ehe Seite führt mehr oder weniger rein statistische Kursvergleiche ins Feld, aus denen hervorgeht, daß die Kurse jetzt um 30 v. H. höher liegen als Ende vorigen Jahres, als der Kursindex auf dem tiefsten Stand seit 1955 angelangt war. Da überdies die Aktienrendite infolge der steigenden Kurse ständig rückläufig gewesen ist, könne man – so wird häufig gesagt – nicht mehr mit weiteren Gewinnen rechnen, eher sogar mit einer rückläufigen Tendenz, „zumal es mit der Konjunktur längst nicht mehr so schön ist wie in den vorangegangenen Jahren!“ Die andere Seite (und hier haben sich überwiegend die Praktiker des Börsengeschäfts versammelt) halten vorerst noch an ihrem Optimismus fest und glauben, daß sich das jetzt erreichte Kursniveau nicht nur stabilisieren läßt, sondern sich noch nach oben verschieben wird.

Klammert man einmal alle politischen Störungen aus, dann spricht nach meiner Ansicht zunächst noch sehr viel für eine stabile Börsenentwicklung. Das Geld ist billig geworden und wird aller Voraussicht nach noch billiger werden. Das bedeutet eine sinkende Rendite bei den festverzinslichen Werten (im Juli – 1/2 v. H.) wodurch gleichzeitig die Aktienrendite an Anziehungskraft gewinnen. Natürlich kann der „kleine“ Wertpapiersparer die Einkünfte aus Renten und Aktien nicht ohne weiteres miteinander vergleichen, weil die steuerlichen Voraussetzungen immer noch verschieden sind. Aber bei den Renten kommen die Einnahmen im allgemeinen allein von der Zinsseite her (Kursgewinne spielen üblicherweise eine bescheidene Rolle), während bei den Aktien die Kurssteigerungen oftmals viel schwerer ins Gewicht fallen als die Dividendeneinnahmen.

Die gegenwärtige Atempause im Wachstum der Wirtschaft wird kaum zu einer Dividendenstagnation führen. Sehr viele Berichte der Gesellschaften über das laufende Geschäftsjahr hatten einen günstigen Unterton, der erwarten läßt, daß sich die Gewinne in 1958 zumindest halten lassen werden. Das bedeutet für den Aktionär, daß er mit einer Dividendensteigerung rechnen kann, wenn die Gesellschaft gewillt ist, die inzwischen eingetretene Steuerersparnis bei der Körperschaftsteuer für ausgeschüttete Gewinne weiterzugeben. Das wird bei einer großen Anzahl von Unternehmen sicherlich der Fall sein. Es konnte nicht unbemerkt bleiben, daß zahlreiche Gesellschaften ihren Dividendenvorschlag für 1957 bereits auf die neue Lage abgestellt haben. Entweder kam ein Bonus zur Ausschüttung, der für 1958 dann in eine „echte“ Dividende umgewandelt werden soll, oder man trat in der Bemessung der Dividende kurz, um für 1958 die Körperschaftsteuerersparnis dann voll weiterzugeben.

Eine wichtige Rolle werden in den nächsten Monaten wieder die Frei- (oder Aufstockungs-) Aktien-Aspiranten spielen. Vorläufig haben nur wenige Gesellschaften die Ausschüttung von Gratis-Aktien fest zugesagt. Das entsprechende Gesetz ist jedoch noch nicht verabschiedet; man rechnet, daß das nach den Parlamentsferien geschehen wird. Dann dürfte der Aktienmarkt von dieser Seite her noch Überraschungen erfahren.

Sie sehen, meine verehrten Leser, daß die Kursentwicklung an den westdeutschen Börsen in den letzten Monaten von Faktoren bestimmt wurde (und in Zukunft auch noch bestimmt wird), die mit der allgemeinen Konjunkturlage nur wenig zu tun haben. Deshalb auch die sonderbare Tatsache, daß die deutschen Börsen fest lagen, als sich das Wachstum der Industrie verlangsamte, und wir schwache Börsen hatten, als die Konjunkturentwicklung steil nach oben zeigte. Die letzte Aufwärtsbewegung war zu einem großen Teil eine Hausse, die durch die wieder normale Verhältnisse schaffende Gesetzgebung beeinflußt wurde und die auf die Liquidität der Wirtschaft zurückgeht.

Der Kapitalmarkt hat heute eine solidere Basis als in den Vorjahren. Für die Börse – und damit für den Sparer – ist jedoch unbefriedigend, daß sich nach dem Kriege kapitalmäßig ein konzentrationsprozeß vollzogen hat, wie wir ihn wohl noch nicht erlebt haben. Die Folge ist eine Marktenge, die häufig zu in ihrem Ausmaß ungerechtfertigten Kursbewegungen führt. Solche Überspitzungen bergen natürlich die Gefahr unangenehmer Verluste in sich. Wenn das flottante Material in den großen weit gestreuten Standardpapieren ebenfalls knapper geworden ist, dann tragen dazu die Investment-Gesellschaften bei, die – zusammengenommen – beträchtliche Posten der einzelnen Werte aus dem Markt genommen haben.