II. Menschen-Maschinen und Maschinen-Menschen – Revolutionen in der Industrie – Keine Bahnunfälle mehr

Von Leo Nitschmann

Über die Herkunft, Entstehung und erste Entwicklung der Automation, über die Diskussionen und das Unbehagen, das sie auslöste, berichtete unser naturwissenschaftlicher Mitarbeiter Leo Nitschmann im ersten Teil seines Artikels. Hier nun zeigt er mit einer Reihe von Beispielen, wie weit die Automation bereits in unseren Alltag eingezogen, daß sie schon jetzt nahezu unentbehrlich geworden ist.

Ein interessantes Beispiel, wie wissenschaftliche Aufgaben von automatischen Rechenanlagen erledigt werden, bietet die Gezeitenrechenmaschine des Deutschen Hydrographischen Instituts in Hamburg. Sie arbeitet nicht auf elektronischer Basis, und die Maschine ist auch nicht programmierbar. Sie ist – wie sich die Fachleute dort ausdrücken – „die Realisation einer ganz bestimmten Formel“. In dieser Formel sind alle Faktoren, die auf die Gezeiten einen Einfluß haben, enthalten. Die Maschine – sie hat die stattliche Länge von sieben Metern und kostete 1938 eine Million Mark – löst Gleichungssysteme mit 100 bis 200 Unbekannten. Ihre Aufgabe ist es, die Gezeitenbewegungen für alle größeren Häfen der Welt für jeweils ein Jahr vorherzuberechnen. Im Archiv des Deutschen Hydrographischen Instituts gibt es dazu etwa zwölf Millionen Lochkarten. Die Hamburger Maschine ist die größte Anlage ihrer Art in der Welt. Während mir der Leiter dieser Abteilung die komplizierten Probleme der Gezeitenanalyse und die imposanten Leistungen der Anlage erklärt, berechnet diese gerade die stündlichen Wasserstände für einen kleinen Hafen in Neuguinea. Es ist eine Auftragsarbeit für die Niederlande. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Tischrechenmaschinen das einzige Hilfsmittel für die Vorausberechnung des Wasserstandes. Jeder Wert mußte – ähnlich wie bei den heute noch gängigen Bürorechenmaschinen – eingetippt werden. Erst dieser neue Rechengigant machte es möglich, verschiedene, für die Schiffahrt wichtige Probleme zu lösen.

In vielen Bereichen des Postwesens bietet sich die Automation geradezu an, wenn auch bei der Beförderung von Briefen, Paketen und Geldsendungen der Einsatz automatischer Hilfsmittel immer begrenzt bleiben wird. Diese Sendungen sind dafür viel zu unterschiedlich. Es wäre zwar möglich, Briefe durch Abtasten mittels eines Elektronenstrahls automatisch zu verteilen. Eine entsprechende Maschine war bereits auf der letzten Industriemesse zu sehen. Ihr Einsatz setzt aber voraus, daß Briefgrößen und -Formen genormt sind. In den Niederlanden und in der Schweiz werden damit zur Zeit Versuche angestellt.

,,Blitz-Gespräche“

Viel günstiger sind die Chancen der Automation im Fernmeldewesen. Der Ausbau des Selbstwählferndienstes ist in vollem Gange. Von Hamburg beispielsweise kann man heute bereits ohne Zwischenschaltung eines Fernamtes etwa 1100 Orte direkt wählen, während bis vor einigen Monaten erst etwa 200 Orte erreichbar waren. Der Nutzen liegt auf der Hand: Es gibt keine Wartezeiten mehr, jeder kann praktisch Blitzgespräche zu normalen Gebühren führen. Es wird nicht mehr, wie im handvermittelten Ferndienst, die Gebühr für drei Sprechminuten berechnet, sondern jeder zahlt für die tatsächlich in Anspruch genommene Zeit. Unsere Fernsprechrechnungen werden bereits durch Roboter ausgestellt. Die Lochkarten werden auf ihren Fälligkeitstag abgetastet und fallen aus der Kartei heraus. Auch im Fernschreibverkehr ist man dabei, die Handvermittlung beim internationalen Verbindungsdienst zu ersetzen. Gegenwärtig bestehen mit den Niederlanden, Belgien, der Schweiz, Österreich, Schweden und Dänemark vollautomatische Fernschreibverbindungen.