ts, Kassel

Der Prediger auf der Kanzel, ohne Talar und Bäffchen, sah anders aus als sonst der Pfarrer, und er sprach auch anders: Englisch. Langsam und bedächtig setzte er seine Worte, die ein Dolmetsch Satz für Satz ins Deutsche übertrug. Und wie in der Martinskirche, so war es am vorletzten Sonntag in 21 Kirchen Kassels: Pfarrer der amerikanischen Church of the Brethren hielten die Predigt in ihrer Muttersprache.

Die Fulda-Stadt feiert an jenem Sonntag in ausgelassener Stimmung ihr althergebrachtes Jahresfest, den Zissel. Die 300 Brethren aus den Vereinigten Staaten aber, die den Hauptgottesdienst mit den evangelischen Gemeinden der Stadt begingen, feierten das 250jährige Bestehen ihrer Kirche: Im August 1708 war die „Kirche der Brüder“ in Schwarzenau an der Eder gegründet, waren die ersten acht „Tunker“ in dem Flüßchen getauft worden.

In der Martinskirche saß auch eine amerikanische Lehrerin mittleren Alters aus Mishawaka im amerikanischen Bundesstaat Indiana. Neben ihr saß ein junger Deutscher. Vor sechs Jahren hatten sich die beiden in Washington das letzte Mal gesehen; das erste Mal hatten sie sich 1949 getroffen...

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Vier Jahre nach dem Krieg: auf der Landstraße zwischen Stuttgart und Bruchsal radelt ein frischgebackener Abiturient hinter trübe qualmenden Holzgasern her. Bei Vaihingen an der Enz, an einem verlassenen Steinbruch, macht er Rast, angezogen von dem geschäftigen Treiben, das dort im Gange ist: Da werden Pickel und Schaufeln geschwungen, werden Felsbrocken gesprengt, Loren mit Schutt und Geröll hin und her geschoben. Ein Aufbaulager der Brüderkirche, wird dem Radler auf seine Fragen geantwortet: Jugendliche aus sieben Ländern bauen dort einen Sportplatz für das Jugenddorf Schloß Kaltenstein.

Drei Wochen ist der Abiturient damals in Vaihingen geblieben. Arbeitete im Steinbruch, schwang den Pickel, schob die Loren hin und her – und schloß gute Freundschaft mit zwei Lehrerinnen aus Mishawaka. Sie luden ihn nach Amerika ein und ebneten ihm die für Austauschstudenten zu jener Zeit noch holprigen und hindernisreichen Wege. Zwei Jahre verbrachte er in den Vereinigten Staaten, erst an einem College der Brethren im Mittleren Westen, dann in Chicago.