Baurat Dr Ing. Elmar Lang ist Kirchenbauer, Kunsthistoriker und Dozent an einer Ingenieurschule in Aachen. Seine zum Teil recht polemischen Äußerungen zu einem Thema, bei dem salbungsvolle Rhetorik allgemein vorherrscht, scheinen uns wert, hier einmal zur Diskussion gestellt zu werden. Wenn frühere Weltausstellungen Orte der Sensationen gewesen sind und wenn man dies jetzt auch von Brüssel erwartet, so wird man wohl mit Enttäuschung oder mit Erstaunen feststellen, daß sich dort nichts Überraschendes findet. Aber man findet in Brüssel einen Ort der geglückten und der mißglückten Aussagen über dasjenige, was die Länder der Welt sich unter Leben, Lebensrhythmus, Lebensstil und Menschentum vorstellen. Das geschieht mit betonter Friedfertigkeit und Liebenswürdigkeit, und das ist gut so.

Unter den Bauten, die viel Atmosphäre vermitteln, nimmt der deutsche Pavillon mit seiner sauberen und neuzeitlichen Architektur einen guten Platz ein, seine Architektur darf in ihrer Haltung und Zurück Haltung als einer der Maßstäbe für heutige Baukunst bezeichnet werden.

Sie wird dies in eminenter Weise, wenn man einige Schritte weiter die dicken Mauern des vatikanischen Pavillons sich zu einer KatakombenArchitektur auftürmen sieht, deren Unhandlichkeit durch angedübelte Blechtauben noch unterstrichen wird. Wer solche "Verliese des Vatikans" baut, der müßte schon eine gehörige Portion Kritik in seine Planung von vornherein mit einbezogen haben — was von dem steinwüsten Stoiperpfad zur Kirche des Pavillons nicht mit Sicherheit behauptet werden kann. Man wird an das Wort "per aspera ad astra " erinnert, aber nicht lange, denn beim Betreten der Kirche wandelt es sich: "Per aspera ad abstrusa". Wo steht der Kirchenbau heute? Ist er "Die Station unserer Zeit"? Leider ist die genannte Kirche keine Station; sie ist nicht einmal ein Bahnhof. Es wird gezeigt, was alles man an einem solchen Bau schrägstellen und vor allem anders bauen kann. Die bauchig bedrohliche Decke quetscht den Beter mit der Gewalt einer Dampfwalze zum Altar hin. Der eigenen Initiative bleibt kein Raum. Angesichts solcher Bedrohlichkeit findet die Frage nach dem Ort unseres heutigen Kirchenbaues natürlich keine Antwort, sondern es entsteht lediglich die weitere Frage: Wo steht der Kirchenbau denn nun schon wieder? U nd diese Frage, was denn zur Zeit im Kirchenbau modern" sei, drängt sich allzuoft auf. Es wird herumexperimentiert mit Körper und Raum, und es riecht manchmal stark nach Sensation und nach dem Weihrauch, den der Erbauer für sich selber verbrennt.

In Brüssel handelt es sich schließlich um ein Ausstellungsobjekt, das da als Kirche erbaut wurde, aber allzu viele Kirchen sind wie Ausstellungsobjekte. Es wird zuviel gepriesen und zuwenig gedacht.

Vielleicht wird heute viel&s zu leicht gemacht und gerät ins Flattern. Die Grenze zwischen Wagnis und Experiment ist allzu rasch überschritten. Von der Eindringlichkeit zum Pathos isv es nur ein kleiner Schritt, und es wird oft vergessen, daß die unpathetischen Aussagen immer die besseren sind. Gewiß sollte nicht verkannt werden, daß die Dinge mehr in Fluß sind, als sie es jemals <p;aren. Die Zeiten der sicheren und verbindlichen Vorbilder. sind offenbar endgültig vorüber: Es waren für dtn Kirchenbau schlechte Zeiten, und es ist um so erstaunlicher, daß auch sie mit neo romanischen und neo gotischen Bauten Diskutables hervorgebracht haben.

Es bleibt jedem überlassen herauszufinden, ob und wo ein Bruch in der Kontinuität des Bauens stattgefunden hat. Jedenfalls gibt es so etwas wie einen Neubeginn, und dort stehen Bauten von Perrot, Dominikus Böhm, Maser, Schwarz und Bartning. Das sind meist Werke, die aus einem neuen Impuls heraus die "Jugendbewegtheit" bereits überwunden hatten. Ein Bau wie die Fronleichnamskirche in Aachen hat eine Reife, die schon klassisch genannt werden kann; er ist nicht mehr Aussage, sondern Bekenntnis.

Hier ist ein Neuanfang — aber nicht mehr. Was heute im Kirchenbau im Gange ist, das ist neben ernsthaften! Ringen um ein nicht genau bestimmbares Neuland ein fröhliches Experimentieren auf der Grundlage einer leicht vernebelten liturgischen Funktion.