E. G., Rotterdam, im August

Der Verband der niederländischen Wirkwaren- und Strumpffabrikanten hat ein Telegramm an den niederländischen Wirtschaftsminister gesandt, worin die Entliberalisierung der Einfuhr von Nylonstrümpfen gefordert wird. Die niederländischen Fabrikanten fühlen sich durch die Dumpingeinfuhr“ aus Italien und Westdeutschland, zwei Partnerländern der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft also, ernstlich in ihrer Existenz bedroht, da die Preise der Importware – der Verband spricht von 7 Gulden per Dutzend Paar! – unter den eigenen Gestehungskosten liegen. Der niederländische Verband weist darauf hin, daß Schweden seine Grenzen für die Dumpingeinfuhr italienischer Strümpfe bereits geschlossen habe.

Der Fall ist beachtenswert. Hier werden offensichtlich nationale Brancheninteressen gegen Politik und Ziele der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ausgespielt. Wie nun, wenn die holländische Regierung unter dem Druck dieser Argumente tatsächlich zur Entliberalisierung der Strumpfeinfuhr schreitet und dieses Beispiel Schule macht? Nicht nur in den Niederlanden, sondern in den EWG-Partnerländern überhaupt, die sich dann immer auf einen „Präzedenzfall“ stützen und auf die Notwendigkeit von „Gegenmaßnahmen“ hinweisen können.

Ob und wieweit die holländische Regierung den Wünschen der Strumpffabrikanten nachgeben wird, läßt sich im Augenblick noch nicht sagen. Immerhin warten zur Zeit Partien von 60 000 Dutzend Paar italienischer Strümpfe an der holländischen Grenze auf die Zollabfertigung, bis die holländischen Stellen den „Fall“ geprüft haben. Dies kann lange dauern, ohne daß man gleich von einer Hinhaltetaktik sprechen darf. Indessen werden die italienischen Strümpfe dem holländischen Markt ferngehalten.

Die Bundesrepublik hat von 1956 bis 1957 ihre Strumpfausfuhr nach Holland anteilmäßig von 6,5 auf 10 v. H. erhöhen können. Aber obwohl sich der deutsche Durchschnittspreis von 26 auf 23,1 Gulden ermäßigte, kann hier ebensowenig von einem „Dumping“ gesprochen werden, wie bei Italien, das seinen Einfuhrorten von 0,75 auf 2 v. H., gleichzeitig aber auch den Durchschnittspreis von 14,9 auf 18,1 Gulden erhöhte. Auch ist der Einfuhranteil Westdeutschlands und Italiens von zusammen 12 v. H. im Jahre 1957 gegenüber dem Anteil Belgiens mit 81 v. H. kaum so bedrohlich, daß die Abwehrstellung der holländischen Strumpfindustrie begründet erschiene.

Die Krisenstimmung der holländischen Fabrikanten hat jedoch noch einen anderen Hintergrund, der sich aus den statistischen Angaben des Niederländischen Wirtschaftsinstituts nicht erkennen läßt: der Importdruck Italiens und Westdeutschlands setzte zu einem Zeitpunkt ein, da sich bei der holländischen Industrie die Lagerbestände häuften und die Unternehmen in Liquiditätssch wierigkeiten zu geraten drohten. Die meisten holländischen Strumpffabriken sahen sich genötigt, nur noch in zwei, statt wie bisher drei Schichten arbeiten zu lassen. Die Produktivität verringerte sich also, während die Gestehungskosten bei einer geringeren Ausnutzung der Kapazität entsprechend stiegen. Die holländischen Importeure und Grossisten wandten sich indessen dem relativ billigsten Produkt zu, das größere Umsatz- und Verdienstmöglichkeiten bot, und das waren außer den ostzonalen die italienischen Strümpfe. In der ersten Jahreshälfte 1958 hat sich vor allem der italienische Importdruck erheblich verstärkt.

Nun ist Dumpingabwehr keineswegs so einfach. Zwar gibt das GATT eine Begriffserläuterung für „Dumping“, doch ist diese in der Praxis nicht ohne weiteres anwendbar: Dumpingpreise entstehen nämlich erst, wenn sie unter dem vergleichbaren Preis für ein gleiches Produkt im Binnenhandel des exportierenden Landes, also unter dem betreffenden Inlandspreis liegen. Eine Ausweichmöglichkeit bietet hier aber die irreguläre, die Ausschußware, die auch im Inland zu verbilligten Preisen an den Markt kommt. Versieht, man die Exportware mit dem Stempel „irregulär“, dann ist der GATT-Klausel vollauf Genüge geleistet! Tatsächlich gelangte in letzter Zeit italienische Ware mit der Bezeichnung „primetta“ (zweite Wahl) statt unter „prima“ (erste Wahl) auf den holländischen Markt, wo sie der Einzelhandel durchaus gutgläubig – wer kennt schon immer die Feinheiten einer fremden Sprache! – als „Ia“ übernahm und weiterverkaufte. Wie dringlich eine einheitliche und allgemeinverständliche Nomenklatur innerhalb der EWG ist, zeigt sich an diesem Beispiel.