Im Norden der Insel Fehmarn, hingeschmiegt an das Ufer des Fehmarn-Belt träumt das alte Dorf Puttgarden vor sich hin, still und beschaulich – abgewandt vom lauten Getriebe der Welt liegt es da. Aber bald wird es mit dieser stillen Idylle vorbei sein. Die „Vogelfluglinie“, ein den klugen Hirnen der Verkehrsexperten entsprungener Plan, wird nach langer gründlicher Vorbereitungszeit Puttgarden zum Schauplatz des bunten Gewimmels eines internationalen Verkehrsknotenpunktes machen.

Schon im Jahre 1860 trug man sich sowohl auf dänischer als auch auf deutscher Seite mit dem Plan, die Verbindung zwischen beiden Ländern, die durch die Notwendigkeit, an mehreren Stellen die Wellen der Ostsee zu überqueren, erschwert und verlangsamt wird, durch Brücken oder Tunnel zu verkürzen. Der Reisende sollte sein Ziel schneller und bequemer erreichen.

Diese kürzeste Verbindung hatte man den Zugvögeln abgeguckt, die auf ihrem Flug vom oder nach dem Süden den Weg bevorzugen, auf dem sie am wenigsten das Meer mit seinen Stürmen zu überqueren brauchen. Ihre Fluglinie führt etwa von Puttgarden über Fehmarn, den Fehmarn-Belt, nach Rödby Havn auf der Insel Laaland, von dort nach Falster, der nächsten Insel, nach Nykbing und schließlich noch einmal über Wasser auf Dänemarks Hauptinsel Seeland bis zur Hauptstadt Kopenhagen. Von dort an verliert der Zug der Vögel in diesem Zusammenhang an Interesse. Denn wir sind am Ziel der Vogelfluglinie, dieses bedeutenden Projektes, mit dessen Bau von den Dänen – freilich unter dem Druck der deutschen Besatzung – schon in den Jahren 1940/41 begonnen wurde, und das in den nächsten fünf Jahren als deutsch-dänische Gemeinschaftsleistung vollendet werden soll.

Von 1963 an soll der Reisende zwischen Dänemark und dem westeuropäischen Kontinent statt etwa drei nur noch eineinhalb Stunden (18,5 Kilometer) auf dem Wasser schaukeln und zwar nur noch über den Fehmarn-Belt, womit er gerade noch Zeit genug behält, die äußerst lukrative Bordverpflegung der Fährschiffe zu genießen und sich der zollfreien Genüsse zu versichern, die alle Seereisen so anziehend machen. Natürlich hat man jetzt auf der 69 Kilometer langen Fährstrecke zwischen Großenbrode-Kai – Gedser fast doppelt soviel der zollfreien, der herrlichen Zeit zur Verfügung; kein Ding ohne Haken. Dafür verkehren die bekannten Fährschiffe dann mit doppelter Frequenz.

Als am 13. Juni das Verkehrsministerium der Bundesrepublik und das dänische Ministerium für öffentliche Arbeiten, sowie die Eisenbahnverwaltungen beider Länder in Bonn das Abkommen zur gemeinsamen Vollendung der Vogelfluglinie unterzeichneten, hatte man deutscherseits – abgesehen von den zu erwartenden wirtschaftlichen Vorteilen dieser Verbindung – auch in der Absicht gehandelt, die Kontakte zwischen Skandinavien und seinen kontinentaleuropäischen Nachbarn zu intensivieren, und durch Übernahme der kostspieligsten Arbeiten an Dänemark ein Weniges von dem wieder gut zu machen, was man ihm im Kriege und unter Druck abgezwungen hatte. Denn die Arbeiten an der Vogelfluglinie verlangen erhebliche Ausgaben von beiden Seiten. So werden zum Beispiel die Kosten für die 900 Meter lange kombinierte Bahn- und Straßenbrücke, die in einer lichten Durchfahrthöhe von 13 Meter über den Fehmarnsund führen wird, auf etwa 50 Millionen Mark veranschlagt. In Puttgarden wird man zur Errichtung eines von zwei Molen eingefaßten Hafenbeckens mit 700 Meter Basisbreite und 100 Meter Einfahrtöffnung bei einer Fahrwassertiefe von sieben Metern allein über 500 000 Kubikmeter Bodenmasse ausbaggern und etwa 300 000 Tonnen Schüttsteine und Grobkies auf dem Wasserwege heranführen müssen. Insgesamt wird der von den Notwendigkeiten des ständig wachsenden Verkehrs von und nach den skandinavischen Ländern diktierte Plan, dem Flug der Zugvögel zu folgen, von uns 130 Mill. DM fordern – die man aus Betriebsüberschüssen innerhalb von etwa zwanzig Jahren zu kompensieren hofft –, während die Dänen bereit sind, zur Vollendung der auf ihrer Seite teilweise schon bestehenden Anlagen einen Kronenbetrag in Höhe von 50 Millionen DM in dieses Unternehmen zu stecken.

Im Frühjahr 1959 werden die bei der Bundesbahndirektion Hamburg liegenden Planungen abgeschlossen sein, und die Bauarbeiten können beginnen. Wer Puttgarden noch als anspruchloses Fehmarner Dorf erleben will, möge diese Frist ausnutzen. c. p.

Einen sehr bunten Deutschlandreiseführer hat der Bund Deutscher Verkehrsverbände in Zusammenarbeit mit den regionalen Fremdenverkehrsverbänden herausgebracht; Der Prospekt, der in acht Sprachen und Millionenauflage erscheint, ist für die Werbung im Ausland bestimmt und wird auch auf der Ausstellung in Brüssel verteilt. So gut die Karten sind, so hätte man doch mit der Farbe der Bilder ein wenig sparsamer umgehen können. Die Coloraufnahmen wirken ermüdend und gaukeln ein Märchenland vor, das es in Wirklichkeit glücklicherweise nicht gibt.