Um 9.15 Uhr war ich in Ostberlin mit dem Zug abgefahren und pünktlich um 18.00 Uhr fuhr er in der tschechoslowakischen Hauptstadt ein. Unaufgefordert ergriff eine Männerhand meinen dicken Koffer im Gewühl des Bahnhofes. Wohin? „Zum Geldwechselschalter.“ Aber – den gab es leider nicht. Die Bestimmung, außer Hotelgutschein kein tschechisches Geld mitzuführen, hatte ich wörtlich genommen, und nun hatte ich keins für ein Taxi.

Der junge Kofferträger, der im Gegensatz zu den Tschechen über 25 Jahren, kaum ein Wort Deutsch verstand, wandte sich an einen älteren Mann. Zu zweit wurde ich zur Staatsbank geleitet und – als die schon geschlossen war – weiter zu „Cedok“, dem Staatlichen Reisebüro.

Die Bevölkerung erweist jedem Fremden herzliche Hilfsbereitschaft. Nie hörte ich einen schimpfen; keine wohlgemeinte Belehrung im Straßenverkehr; mit selbstverständlicher Disziplin werden Schlangen gebildet, vor den Garderoben wie vor dem Zeitungsstand. Die biegsame Art eines Schwejk

bricht nie in Empörung aus. „Nach außen ja sagen, und sich innerlich eins pfeifen“, charakterisierte ein Tscheche diese Haltung.

Auf die Frage nach dem Weg wird man gewöhnlich bis vors Haus gebracht. Ein Restaurant suchend, landete ich einmal mit vier Begleitern – jeder hatte einen noch Kundigeren geholt – am Ziel. Bai 30 Grad Hitze wollte ich zu Füßen des Hradschin mit einem Kahn auf der Moldau fahren. Drei Jungen waren mir schließlich behilflich. Eis zur Belohnung aber lehnten sie ab – sie waren doch Kavaliere.

Da fast jeder Ältere deutsch spricht, wird man leicht gewahr, daß vom Haß der ersten Nachkriegsjahre nichts mehr zu spüren ist. Von der früheren Eleganz Prags ist nichts mehr da, aber die Schönheit blieb. Die sanfte Verschmelzung graziöser Bauwerke mit Hügeln und Grünanlagen, die musikalische Fröhlichkeit und die blumenreichen Parks – dies schafft schließlich auch heute noch jene beliebte Atmosphäre der dreißiger Jahre.

Die Einreisemöglichkeiten für Bundesrepublikaner scheinen im ersten Augenblick recht gering, denn wer nicht angeln, jagen oder Zeitungsartikel schreiben will, für den scheinen die Schranken geschlossen; außer er meldet sich zu einer Gruppenreise an, die ein staatlich genehmigtes „kollektives Programm“ absolviert. Auch die Kosten sind eher abschreckend denn einladend und bereits an einem westdeutschen DER-Reisebüro für die Dauer des Aufenthalts im voraus zu entrichten. Die Tagespensionspreise liegen zwischen 18 und 50 Mark Erst nach erfolgter Einzahlung trifft die Militärmission in Westberlin, Podbielski-Allee 54, die Entscheidung über den Visumantrag. Nur wer sich eine Bärenjagd erlauben kann und rund 1200 Mark für den Abschuß im voraus erlegt, kann auch sicher eine Reisegenehmigung erhoffen. Verwandtenbesuchen sind immer noch unüberwindliche Schranken gesetzt. M. H.