An neun Stellen jenes Kommuniqués, aus dem die Welt vorige Woche von Chruschtschows Blitzreise nach Peking erfuhr, sind China und die Sowjetunion in einem Atemzug genannt. Achtmal heißt die dabei gebrauchte Formel "China und die Sowjetunion", nur einmal wird die Sowjetunion an erster Stelle aufgeführt.

Eine bloße Äußerlichkeit? Oder ein Versehen der chinesischen Kalligraphen, die ihre Pinsel im Eifer zu tief in die Tusche des Selbstbewußtseins tauchten? Dies ist kaum vorstellbar. In den protokollgestrengen kommunistischen Ländern kommt derlei Feinheiten hochpolitische Bedeutung zu: An der Steh-Ordnung auf dem Lenin-Mausoleum ließ sich bei den großen Paraden die Rangordnung innerhalb der Sowjethierarchie schon immer am zuverlässigsten ablesen.

Der Pakt, den Stalin und Mao Tse-tung im Februar 1950 in Moskau abgeschlossen, hieß "Freundschafts-, Bündnis- und Beistandsvertrag zwischen der UdSSR und China". Auch als Chruschtschow im Oktober 1954 zum erstenmal nach Peking reiste, war in dem anschließend veröffentlichten Kommuniqué die Sowjetunion noch jedesmal an erster Stelle genannt.

In der Umkehrung dieser Reihenfolge spiegelt sich jetzt deutlich die seitdem eingetretene Verschiebung der Machtgewichte innerhalb der kommunistischen Welt wider – eine Verschiebung, die China zwar keine Vormachtstellung zuweist, die ihm aber den Status eines neben der Sowjetunion voll gleichberechtigten Partners einräumt. Die eine Stelle, wo den Sowjets der Vortritt gelassen wurde, unterstreicht diese Entwicklung noch besonders: Da ist von "der Sowjetunion und China zusammen mit den anderen Ländern des sozialistischen Lagers" die Rede. In den Moskauer Deklarationen der kommunistischen Parteien vom November 1957 lautete die gängige Formel noch "die große Sowjetunion und das sozialistische Lager" oder "das sozialistische Lager unter Führung der Sowjetunion".

So ist denn in dem dreiviertel Jahr, das seit den Revolutionsfeiern vergangen ist, der Schatten Chinas über dem Kreml bedeutend länger, geworden; Mao mischt jetzt die Karten des weltpolitischen Spiels mit. Und allem Anschein nach war er es, der Chruschtschow letzte Woche vorschrieb, welche Karte er nun auszuspielen habe.

Dies aber war eine Karte, die auffällig deutlich den Stempel Mao Tse-tungs trug. Gipfelkonferenz – ja, aber nicht im Sicherheitsrat, wo noch immer TschiangKai-schek Sitz und Stimme hat, heißt nun die Parole. Unter der harmlos klingenden Forderung nach einer "Konferenz der Regierungschefs der Großmächte die im Pekinger Kommuniqué wie auch in der jüngsten Sowjetnote an Macmillan erhobenwird, verbirgt sich indes nichts anderes als eben das Verlangen, Rotchina endlich an den Tisch der Großen zu laden.

Für den Kreml bedeutet dies, daß er nun auf einen Sozius Rücksicht zu nehmen hat, der konsultiert werden will, mit dem er seine Aktionen abstimmen muß, ja: dessen Veto er sich unter Umständen zu beugen hat. Chruschtschows Bevegungsfreiheit wird also eingeengt. Für den Westen ist das allerdings kein Grund zu heiterem Jubel. Auch ihm wird das Manövrieren nach Chinas Ausbruch aus dem weltpolitischen Provinzdasein erschwert, denn es wird nun wieder ein schärferer – Wind durch die große Politik wehen.