Afrika durchschaut de Gaulles Pläne

A. M., Paris, im August

De Gaulles stärkster, politischer Trumpf in den vergangenen Jahren war das Ansehen, das er bei den farbigen Völkern der Französischen Union genoß. Er erschien als der letzte Mann, der noch in der Lage sein könnte, das auseinanderstrebende Gefüge dieser Union zusammenzuklammern. Der Express konnte zu Recht schreiben: „Die besondere Chance der neuen Regierung beruhte darin, diese Völker in einer von gegenseitigem Vertrauen durchwirkten Ordnung zusammenzufassen; auf diese Weise hätte sie eine zugleich moralische und politische Kraft schaffen können, die für eine anschließende Lösung des Algerienkrieges ausschlaggebend gewesen wäre.“

Heute – nach den ersten Auseinandersetzungen um den Verfassungsentwurf zur Fünften Republik – sieht es ganz so aus, als hätte de Gaulle dieses Kapital längst verspielt, das ihm erlaubt hätte, den Obersten von Algier die Stirn zu bieten.

Schon in den letzten Julitagen zeigte der Kongreß des PRA (Partei der afrikanischen Umgruppierung), der kleineren und radikaleren der beiden Eingeborenen-Parteien Französisch-Äquatorial-Afrikas, in Kotonu (Dahomey), daß sich in ihrem Verhältnis zum General etwas geändert hat. Von ihrer erbitterten Gefolgschaft gedrängt, erklärten dort die schwarzen Parlamentarier Senghor und Lamine Guèye, daß sie die Anerkennung des afrikanischen Rechtes auf Unabhängigkeit forderten, ehe sie freiwillig in eine föderativ umgestaltete Französische Union einträten. Hinter diesem Ausbruch, der in Paris wie ein Blitz einschlug, steckte die Enttäuschung über den Verfassungsentwurf, der nichts von dem erhofften Grundriß eines französischen Commonwealths gleichberechtigter autonomer Staaten enthielt.

In dem Verfassungsentwurf ist von zweierlei die Rede: von einer „Föderation“ (Bundesstaat) und einer „Gemeinschaft freier Völker“. Über die erste wird wenig gesagt, über die zweite sozusagen überhaupt nichts. Nur über eines hat de Gaulle in einer mündlichen Erklärung vom letzten Freitag vor dem „Verfassungs-Konsultativkomitee“ Klarheit geschaffen: jene „Gemeinschaft freier Völker“, hinter der man die ersten Umrisse eines Commonwealths vermuten könnte, ist nicht für das „Schwarze Afrika“ (und schon gar nicht für Algerien) gedacht; sie ist vielmehr nur für jene Völker geplant, die nicht juristisch der Französischen Republik zugehören. Mit anderen Worten: sie soll Laos aufnehmen (das als einziger der „assoziierten Staaten“ in Indochina bisher die Bindung an Paris nicht aufgekündet hat) und außerdem die Mandate Togo und Kamerun und eventuell die früheren Protektorate Tunesien und Marokko, falls diese dazu bereit sein sollten. Für die Neger hingegen soll, falls sie nicht den Status quo oder die Assimilierung an Frankreich in Form „überseeischer Departements“ vorziehen, nur ein Weg offen bleiben: der Weg in die „Föderation“.

Dieser „Bundesstaat“ aber, dem der Präsident der Französischen Republik in Personalunion präsidieren soll, ist freilich bei näherem Zusehen nichts anderes als eine nicht sehr wesentliche Abschwächung des bisherigen Zentralismus. Im Verfassungsentwurf ist aufgezählt, was die überseeischen Gebiete in dieser „Föderation“ alles an die Zentrale in Paris zu delegieren hätten: Außenpolitik, Verteidigung, Währung, die gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie die Ausbeutung der strategisch wichtigen Rohstoffe, die Kontrolle von Justiz und höherer Ausbildung“. Was den Negern zu eigener Verwaltung übrigbliebe, wäre also im Grunde nur die örtliche Folklore. Daß sie sich damit auf die Dauer nicht abfinden werden, ist heute schon klar: Seit der Gründung von Ghana und der panafrikanischen Konferenz von Akra (Ghana) in April 1958 weht auch südlich der Sahara der „Wind von Bandung“ durch Afrika,