Nicht mehr der Typ des „alten Kämpfers“, sondern vitale, harte Parteifunktionäre

Von Wolfgang Leonhard

Wer sind heute – außer Chruschtschow – die entscheidenden Männer des Kreml? Lang vertiaute Namen wie Molotow, Berija, Malenkow, Kaganowitsch oder auch der kurzfristig und kometenhaft am sowjetischen Führungshimmel aufgestiegene Schepilow sowie der berühmte Heerführer Marschall Schukow und schließlich Bulganin sind von der Führung ausgeschlossen worden. Gegenwärtig konzentriert sich das Hauptinteresse auf eine einzige Person: Chruschtschow. Er aber ist nicht allein. Mehr und mehr spielen sich neue Führer nach vorn, die unsere Aufmerksamkeit verdienen. Wir haben Vorgang Leonhard, der wie kein anderer mit den innenpolitischen Verhältnissen der Sowjetunion vertraut ist, gebeten, uns die Frage „Wer sind zur Zeit die entscheidenden Männer im Kreml?“ zu beantworten.

Vieles spricht dafür, daß heute neben Chruschtschow vor allem vier Führer in entscheidender Weise die Geschicke der Sowjetunion mitbestimmen – Frol Koslow, Alexej Kiritschenko, Nikolai Ignatow und Nuritdin Muchitdinow. Sie sind bisher die einzigen, die für würdig befunden wurden, auf der Titelseite der Prawda mit Bild und Biographie zu erscheinen. Dies ist meist ein Hinweis dafür, daß die Betreffenden alle Aussicht haben, auch in der Großen Sowjetenzyklopädie mit Bild verewigt zu werden, eine Ehre, die gewöhnlich nur den Spitzenführern zuteil wird.

Frol Koslow – neuer Spitzenmann

Seit dem Sturz Bulganins im April 1958 ist Frol Koslow – stellvertretender Ministerpräsident der UdSSR – die rechte Hand Chruschtschows für den sowjetischen Staatsapparat. Funktion und Aufgabenbereich Koslows erinnern an die Stellung Molotows unter Stalin. Ähnlich wie Molotow ist auch Koslow nach langjähriger „reiner Parteiarbeit“ zu der führenden Staatsfunktion ausersehen worden.

Koslow ist gegenwärtig 50 Jahre alt. Er wurde in dem Dorf Loschtschinino im Gebiet Rjasan, südöstlich von Moskau, geboren. Seine Eltern waren arme Bauern. Mit 15 Jahren begann Koslow in einer Textilfabrik zu arbeiten. 1926 trat er der Partei bei und wurde im gleichen Jahr zum Sekretär der Betriebs-Komsomolorganisation ernannt. Im Jahr 1928, also zu Beginn des 1. Fünfjahresplans, als die Stalin-Führung junge, ergebene und begabte Parteimitglieder zum Studium entsandte, kam Koslow nach Leningrad. Dort absolvierte er – ähnlich wie Chruschtschow in Kiew – zunächst die „Rabfak“, die Arbeiterfakultät, und danach das Leningrader Polytechnische Institut. Anschließend war Koslow als Diplomingenieur in Ishewsk tätig, wurde aber schon 1939 zur Parteiarbeit beordert. 1944 war er Sekretär des Stadtkomitees der Partei von Ishewsk.