Dichterin der Großstadt – Sentiment und Zynismus

Von Kurt Pinthus

Dr. Kurt Pinthus, heute 72jährig und Dozent an der Columbia-Universität in New York, wird zuweilen „der Erfinder des deutschen Expressionismus“ genannt; das ist natürlich scherzhaft gemeint, entbehrt jedoch nicht einer gewissen Berechtigung, denn Pinthus war derjenige, der in der Zeit unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg die jungen lyrischen Talente des Expressionismus in der inzwischen als ein literarhistorischer Meilenstein erkannten Anthologie „Menschheitsdämmerung“ versammelte.

Die Leser dieses Blattes haben zuweilen das Glück, Gedichte von Mascha Kaleko zu lesen. Nicht oft, leider nicht oft genug. Denn sie schreibt sehr selten ein Gedicht und hat in jedem der letzten drei Jahrzehnte nur ein einziges Gedichtbändchen herausgegeben. Sie kann nur dichten, in knappe heiter-melancholische Wortmusik verdichten, was sie selber erlebt – und überwunden hat.

Als das junge, feurige Mädchen noch Stenotypistin in Berlin war, veröffentlichte sie „Das lyrische Stenogrammheft“ (1933), und nach dessem unerwarteten Erfolg sogleich „Kleines Lesebuch für Große“; dann erst wieder, nach mehr als zehn Jahren, im amerikanischen Exil „Verse für Zeitgenossen“ (1946).

Sie glaubte sich in Deutschland vergessen, bis sie hörte, daß ihre Gedichte dort nach dem Krieg populär geworden waren und oft übers Radio gesprochen wurden. Während eines Besuches in Deutschland 1956 zog Mascha Kaleko von Studio zu Studio und von Stadt zu Stadt, um ihre Gedichte, besonders Gedichte aus der Emigration, selber zu sprechen.

Thomas Mann hatte noch Ende des Krieges geschrieben: „Ich wollte, ihre wohllautend-mokante Stimme erklänge wieder in Deutschland, wo es gewiß weniger als je an Sinn dafür fehlen würde.“ Und Hermann Hesse sagte: „Eine Dichterin der Großstadt ist diese Mascha Kaleko, die in ihrer Mischung von Sentiment und Zynismus auf Heine hinweist. Diese Art kommt in der modernen deutschen Dichtung nicht allzuoft vor.“