Von Martin Beheim-Schwarzbach

Wir sind, manche Prominenz hat es uns schon formuliert und bescheinigt, wir sind ein unbehaustes Geschlecht, wir sind eine verlorene Generation, wir kommen aus dem Qualm und der Lüge, wir gehen ins Nichts – was bleibt uns, als zu höhnen, uns Armen! Aber das können wir, gelenkig wie wir sind.

Was sollen unsere jungen Dichter nun auch machen? Erzählen, fabulieren, einfach so? Das ist erstens sehr schwer und zweitens nicht gefragt, es muß, nach unerforschlichen Ratschlüssen, Zeitbezug drin sein, ohne den ist doch die ganze Schreiberei Mumpitz; und was den Zeitbezug betrifft, da ist eben alles zappendüster, da hilft nur noch Hohngelächter, und wenn dasselbe einigermaßen begabt bewerkstelligt ist, kann man schon zufrieden sein.

Dergleichen bittere Seufzer formen sich immer wieder, auch wenn das Hohngelächter so schneidend oder die Betrachtung so klug und stilsicher ist wie bei den zwei kleinen Büchern zweier junger Autoren:

Wolfdietrich Schnurre: „Abendländler.“ Gedichte. Langen / Müller Verlag, München. 109 S., 5,80 DM.

Dieter Lattmann: „Die gelenkige Generation.“ Betrachtungen und Erzählungen. Langen Müller Verlag, München. 90 S., 5,80 DM.

Warm werde ich bei beiden nicht recht; aber das Warmwerden kommt wohl sowieso aus der Mode. Oder? Doch, da leuchtet aus dem gelenkig, ja elegant und klug geschriebenen Material des 1926 geborenen Dieter Lattmann eine unheimliche, packende, sehr intensiv erzählte Geschichte mit dem Titel „Der vertauschte Tod“ hervor. Sie ist das Glanzstück und die eigentliche Talentprobe dieses Autors, dem man wünschen und von dem man auch hoffen darf, daß er sich aus dem leidigen Zeitbezug freischreibt, freidichtet, zu jener unabhängigen Sicht gelangt, deren er ganz gewiß fähig ist – sein Übergang von der journalistischen zur dichterischen Aussage ist unverkennbar.

Wolfdietrich Schnurre ist unzweifelhaft ein Dichter; was einer auch sein kann, wenn er sich an die kleinen Formen hält, namentlich an skurrile, doch oft symbolkräftige Kurzgeschichten, Fabeln und Anekdoten. In dem hier vorliegenden Büchlein erobert er sich eine neue, eine Versform, mit der er hohnlacht und zynische Kleinmalerei zur gegenwärtigen Spießerfigur betreibt, deren wirtschaftswunderlichen deutschen Generalnenner er aufs Korn nimmt. Seine freien Rhythmen stammen von Ringelnatz her, der ihm freilich den Reim voraus hat, was bei der vorliegenden satirischen Form ein Plus ist. Die Arbeiten Schnurres sind formal verantwortungslos; sie könnten an beliebiger Stelle einsetzen und aufhören, irgendwelche Gliederung wird in ihnen, vermutlich verachtungsvoll, verschmäht. Sei’s drum. Witzlos sind sie nicht, und manche Ohrfeige knallt so gut, daß einem das Herz hüpft. Übrigens Urberliner, dieser Schnurre; lassen wir ihn getrost auf das Abendländle los.