Während Koslow und Kiritschenko immer häufiger in den Spalten der Weltpresse erscheinen, wird über Nikolai Ignatow und Nuritdin Muchitdinow noch verhältnismäßig wenig berichtet. Sie treten, zumindest bisher, auch gegenüber dem Ausland weniger in Erscheinung, trotzdem scheint manches dafür zu sprechen, daß sie in der Rangliste des Führungsapparats bereits direkt hinter Koslow und Kiritschenko rangieren.

Nikolai Ignatow ist Russe. Er ist der älteste der vier neuen Männer und dürfte wohl auch die bewegteste Karriere hinter sich gebracht haben. 1901 als Sohn eines Arbeiters in der kleinen Ortschaft Tischanskoje im Gebiet Stalingrad geboren, soll er im Bürgerkrieg von 1918–21 bereits als Freiwilliger mitgekämpft haben. Anschließend war er elf Jahre – von 1921 bis 1932 – in den Staatssicherheitsorganen der UdSSR (der Tschuka und der GPU) tätig.

Nach Absolvierung einer Parteischule lieferte er sein Gesellenstück als Parteisekretär in der Leningrader Fabrik „Gossnak“. Während der großen Säuberung von 1936–38 war Ignatow Parteisekretär in einem Leningrader Bezirk und anschließend – fast zehn Jahre vor Koslow – 1. Sekretär der wichtigen Wolgastadt Kuibyschew. 1940 übernahm er die Parteiführung in Orel und 1949 in Krasnodar, eine Funktion, die er bis Stalins Tod innehatte.

Mit Stalins Tod begann die hektischste Periode seines Lebens. Unmittelbar nach dem Tod des Diktators war er zunächst mit „Leistungsaufgaben im Ministerrat der UdSSR“ betraut, aber schon wenige Monate später wurde er zum Parteisekretär der Stadt Leningrad und zum 2. Sekretär des Leningrader Gebietes befördert. Dort erlebte er gemeinsam mit Koslow die dramatische Absetzung Andrijanows. Bald darauf findet man ihn wieder im Apparat des Zentralkomitees, und nach einem kurzen Intermezzo als 1. Parteisekretär von Woronesh wird er im November 1955 zum 1. Sekretär der Partei in Gorki ernannt. Vom Standpunkt der Parteihierarchie ist dies nach Moskau und Leningrad die wichtigste Stadt der UdSSR. Ähnlich wie Koslow wurde Ignatow auf dem 20. Parteitag Mitglied des ZK-Büros für die RSFSR und avancierte nach dem Sturz Molotows, Malenkows und Kaganowitschs zum Mitglied des Parteipräsidiums; im Dezember 1957, wurde er dann zum Mitglied des ZK-Sekretariats ernannt.

Auch Nuritdin Muchitdinow gehört gleichzeitig diesen beiden obersten Führungsgremien an. Er ist das jüngste Mitglied der Spitzenführung der UdSSR und seit mehr als einem Vierteljahrhundert der erste Parteifunktionär einer mittelasiatischen Republik, der bis zur höchsten Führung aufstieg,

Muchitdinow wurde im November 1917 als Sohn eines armen Bauern in Taschkent geboren. Er besuchte die Volksschule und absolvierte später ein Technikum für Genossenschaftshandel. Erst im Jahre 1942 – und dies ist in der Tat verblüffend – wurde Muchitdinow in die Partei aufgenommen und erst nach Kriegsende erhielt er seine erste Parteifunktion: er wurde Parteilektor. 1947 avancierte er zum Parteisekretär des Namandan-Gebietskomitees von Usbekistan und 1950 war Muchitdinow bereits Parteisekretär der usbekischen Hauptstadt Taschkent.

Vier Jahre lang, von 1951–55, war Muchitdinow (von einer kurzen Unterbrechung abgesehen), Vorsitzender des Ministerrats der usbekischen Republik. Nach der Rückkehr Chruschtschows aus Indien und wahrscheinlich auf dessen direkte Intervention wurde er im Dezember 1955. zum 1. Sekretär der Partei in Usbekistan ernannt. Auf dem 20. Parteitag im Februar 1956 kam er als Kandidat in das Parteipräsidium, avancierte danach zum Vorsitzenden der Kommission für Auswärtige Angelegenheiten im Nationalitätenrat des Obersten Sowjets und wurde im Dezember 1957 gleichzeitig Vollmitglied des Parteipräsidiums und auch des ZK-Sekretariats – ein in der Geschichte der Bolschewistischen Partei bisher noch nie dagewesener Vorgang. In der Führung scheint er sich vor allem mit Nationalitätenfragen und auch mit außenpolitischen zu beschäftigen, vor allem – wie sein Besuch in Kairo anzudeuten scheint – mit Fragen des Nahen Ostens und Asiens.