DIE ZEIT

Die verpaßte Chance

De Gaulles stärkster, politischer Trumpf in den vergangenen Jahren war das Ansehen, das er bei den farbigen Völkern der Französischen Union genoß.

Saat des Hasses

Mit seiner Reise nach Athen und Ankara, der er noch einen unvorhergesehenen Abstecher nach Nicosia ins Sturmzentrum der zypriotischen Wirren folgen ließ, hat der britische Premierminister Macmillan das schwierigste aller Kolonialprobleme Englands neu angepackt.

Wandel der UN

Zum fünftenmal tagt nun eine Sondersitzung der UN. Die Vertreter von 81 Nationen haben sich in einem Moment versammelt, in dem die politische Atmosphäre wieder einmal auf Hochspannung geladen ist.

Elegie eines Nicht-Akklimatisierten

Die Leute sagten: „Am besten gehen Sie zu Pinkus Müller... ... Da ist am meisten los in Münster.“ Ich ging. Wenn man zu Pinkus Müller geht, muß man Altbierbowle trinken.

Kein Arbeitnehmer?

Kaum war das neue Kabinett Meyers in Düsseldorf gebildet, da gab es auch schon einen „Konflikt“, und zwar wegen des Wiederaufbau-Ministers Erkens – genauer gesagt: wegen der Frage, ob der Herr Ministerpräsident gut beraten war, als er im Landtag, bei der Vorstellung des Kabinetts, den Ministerkollegen Erkens als einen Mann aus der Arbeitnehmerschaft bezeichnete.

ZEITSPIEGEL

„Die Feststellung des Bundesverfassungsgerichts, der Bundesrat sei ein Verfassungsorgan des Bundes und weder das Landesparlament noch das Landvolk könne dem jeweiligen Landesvertreter zum Bundesrat Weisungen erteilen, spricht dem Bundesrat das wesentlich politische Gewicht ab und degradiert praktisch das einzige föderative Organ des westdeutschen Verfassungslebens zu einer Institution minderen Rechts gegenüber den einheitsstaatlichen Einrichtungen der Bundesrepublik.

Polens Premierminister

Den Warschauer Grotewohl hat man ihn genannt, den polnischen Ministerpräsidenten Jozef Cyrankiewicz: Warschauer Grotewohl, weil Cyrankiewicz wie sein ostzonaler Amtskollege alle Stürme der stalinschen und nachstalinschen Zeit unbeschadet überdauert hat und weil er wie dieser zu den ehemaligen Sozialdemokraten gehört, die nach dem Kriege mit den Kommunisten paktierten und damit die gewaltsam aufgerichtete Fiktion von der „Einheit der Arbeiterklasse“ in den Volksdemokratien befestigen halfen.

Der rote Drache zeigt die Zähne

An neun Stellen jenes Kommuniqués, aus dem die Welt vorige Woche von Chruschtschows Blitzreise nach Peking erfuhr, sind China und die Sowjetunion in einem Atemzug genannt.

Fraktionsdiplomatie

Man liest in letzter Zeit viel von Abgeordnetenreisen ins Ausland und fragt sich dabei: Wer bestreitet eigentlich die Kosten dafür? Daß Bundestagsabgeordnete ins Ausland reisen, sei es, um bestimmte innerstaatliche Einrichtungen fremder Länder kennenzulernen, sei es, um sich außenpolitisch zu informieren, ist an sich nur zu begrüßen.

Kein Jeep für Steinstücken

Die knapp zweihundert Einwohner der Gemeinde Steinstücken befinden sich Berlin gegenüber in der gleichen Lage, in der sich Berlin der Bundesrepublik gegenüber befindet, nämlich in inselhafter Isolierung.

Ignatow und Muchitdinow

Während Koslow und Kiritschenko immer häufiger in den Spalten der Weltpresse erscheinen, wird über Nikolai Ignatow und Nuritdin Muchitdinow noch verhältnismäßig wenig berichtet.

Wie sollen sich die Briten verteidigen?

Anderthalb Jahre nach dem Beginn der „Umrüstung“ der britischen Streitkräfte auf die nukleare Kriegsführung hat der ranghöchste englische Soldat, Feldmarschall Sir Gerald Templer, letzte Woche in aller Öffentlichkeit seine Bedenken an der Weisheit eben dieser Umrüstung angemeldet.

Mehr als ein Pathograph

Die Wege des Ruhms sind sonderbar. Während Faulkner, Hemingway und – mit einigem Abstand – Dos Passos auch in Deutschland hochgeachtet sind, während sie als die eigentlichen Repräsentanten der modernen amerikanischen Prosa gelten, als diejenigen, die den entscheidenden Beitrag Amerikas zum neuen Erzählen geleistet haben, ist Sherwood Anderson, der Mann, der ihnen bahnbrechend voranging, bei uns nie in die vorderste Linie des Interesses gerückt.

Erich Fried:: Landstreicher

Will man die jungen Lyriker deutscher Sprache nennen, über die zu reden sich lohnt, so darf man Erich Fried nicht auslassen, der seit 1938 in London lebt.

Gelenkige Abendländler-Poesie

Wir sind, manche Prominenz hat es uns schon formuliert und bescheinigt, wir sind ein unbehaustes Geschlecht, wir sind eine verlorene Generation, wir kommen aus dem Qualm und der Lüge, wir gehen ins Nichts – was bleibt uns, als zu höhnen, uns Armen! Aber das können wir, gelenkig wie wir sind.

Die zweitbesten Namen

Dr. Kurt Pinthus, heute 72jährig und Dozent an der Columbia-Universität in New York, wird zuweilen „der Erfinder des deutschen Expressionismus“ genannt; das ist natürlich scherzhaft gemeint, entbehrt jedoch nicht einer gewissen Berechtigung, denn Pinthus war derjenige, der in der Zeit unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg die jungen lyrischen Talente des Expressionismus in der inzwischen als ein literarhistorischer Meilenstein erkannten Anthologie „Menschheitsdämmerung“ versammelte.

Ausweg aus der Abgeschiedenheit

Auch in einer anderen, lebenswichtigen Frage der jungen Hochschule vertraten die Redakteure der Studentenzeitung und der Senat verschiedene Auffassungen: nämlich in der komplizierten Frage des künftigen Standorts der Hochschule, die – darin waren sich Professoren und Studenten einig – nicht in der Rüstersieler Abgeschiedenheit bleiben kann; das graue Barackenlager hinter dem Deich weit außerhalb der Stadt Wilhelmshaven war von vornherein als ein Provisorium gedacht.

Zeit-Fragen

Das ist des Deutschen Vaterland“ lautete der polemisch gemeinte Titel eines Deutschlandbuches, das zu den Bestsellern des vergangenen Jahres gehörte.

ZEITMOSAIK

Unsere Epoche liebt die Ungehorsamen, die Dichter und die Verrückten nicht. Sie kennt keine Avantgarde mehr, keine literarische Gruppe, keine Freundschaft, nicht einmal mehr Ideen.

Das Lächeln der Ulanowa

Wir hatten uns zu sechs Uhr im Hotel „Vier Jahreszeiten“ verabredet. Sie hatte an diesem Abend um halb acht in der Oper zu sein, um den Sterbenden Schwan zu tanzen, ihr Glanzstück, so wie es einst das Glanzstück Anna Pawlowas gewesen war.

Beim Angeln

Ich schwieg, und der Angler schob mit der linsondern eine von vielen. Aber anstatt den Kampf im die Führung in der Bauentwicklung aufzunehmen und so die Dinge wieder gehörig zurechtzurücken, wird ein resigniertes Experimentieren an der Peripherie betrieben.

Krümel auf unfeinem Tuch

Zum Flughafen fahren ist halb verreisen, die Halle betreten heißt Hamburg schon fast verlassen haben, aber die Terrasse des Flughafenrestaurants besuchen – das bedeutet, sich fern der properen Hamburger Gastlichkeit fühlen.

Bayerns Bier und Seelenlage

Mit dieser Frage hatte sich kürzlich ein Strafsenat des Bundesgerichtshofes zu befassen, der klären mußte, ob den Bayern durch den Freispruch einer beklagten Nährbier-Firma vom Hessischen Landgericht unrecht geschehen war.

Berlin: Vierundzwanzigstunden-KZ

Gebt uns doch was zu essen, und wenn es eine Wassersuppe ist!“ – die Fahrgäste der Schnell- und Personenzüge, die aus Sachsen nach Berlin fahren, hören es in diesen hochsommerlichen Tagen recht oft.

Reggio in der Emilia

Wenn man von Mailand durch die Lombardische Ebene und die Emilia mit dem Autobus reist, der hier noch „Corriera“ (Postkutsche) heißt, oder mit dem eigenen Wagen, kommt man in Reggio an der Porta Castello an: einer Straßenkreuzung vor der Stadt.

Hitzepol am Kaiserstuhl

Der Strom nach dem Süden reißt nicht ab. Ununterbrochen ziehen in diesen Tagen und Wochen die Autokolonnen mit Südkurs durch die Rheinebene.

Bad fürs Herz

Vor 142 Jahren übertrugen die „Salzkollegiaten“ von Salzuflen ihre Anteile am Salzwerk des Ortes ihrem Landesherren, und bei dem aus diesem Anlaß gefeierten Fest tranken die 51 Teilnehmer zu und nach einem neungängigen Gedeck von anderthalb Talern 153 Flaschen Wein und respektable Mengen von Branntwein – „von wegen der Bekömmlichkeit“.

Reich an Zeit

Hin und wieder bekomme ich Besuch aus Deutschland. Irgendein Herr Unbekannt steht plötzlich vor der Tür, um mir Grüße aus der Heimat zu überbringen von einem gemeinsamen Freund, oder auch nur, um „Guten Tag“ zu sagen, weil es sich in Dublin herumgesprochen habe, daß ich mich immer freue, wenn ein Landsmann bis in die Einsamkeit der Berge vordringt.

Der Hradschin läßt grüßen

Um 9.15 Uhr war ich in Ostberlin mit dem Zug abgefahren und pünktlich um 18.00 Uhr fuhr er in der tschechoslowakischen Hauptstadt ein.

Notizen für Reisende

Berlin kommt im diesjährigen „American Overseas Guide“, der kostenlos an US-Touristen verteilt wird, besser weg wie Brüssel, Oslo oder Hamburg.

Wirtshäuser im Spessart

Verwunschene Schlösser und eine immer länger werdende Autobahn – Des Heiligen Römischen Reiches Absteigequartier

Bei der Kohle nichts Neues

In Bonn haben wieder „Kohlegespräche“ stattgefunden. Der Bundeskanzler hat den sorgenvollen Vertretern des Steinkohlenbergbaues – die wiederum auf Anregung des Vorsitzenden der Industriegewerkschaft Bergbau, Gutermuth, nach Bonn gereist waren – erneut versichert, daß er „die heimische Kohle heute und in der Zukunft als den für die deutsche Wirtschaft wesentlichen Grundstoff“ anerkenne.

Die EWG fordert ihre Opfer...

Verkehrspolitiker, namentlich solche, die gewillt sind, sich an einem fortschrittlichen Kurs zu orientieren, haben bereits vor längerer Zeit in aller Form ihr Bedauern zum Ausdruck gebracht, daß in dem Vertrag über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) der für die Entwicklung der Volkswirtschaft so eminent wichtige Verkehrskomplex nicht ausreichend genug berücksichtigt worden ist.

Krankenkassen-Reform hinter verschlossenen Türen

Die Bundestagsabgeordneten schmiedeten noch ihre Ferienpläne, da reiste ein gut Teil der Belegschaft des Arbeitsministeriums bereits in ein liebliches Landhaus unweit der Hohen Acht, aber betrüblicherweise nicht in den Urlaub, sondern in Klausur.

Schweigsame Bank of England

Zwar hat man in der Bank of England seit längerem beschlossen, sich größerer Beredsamkeit zu befleißigen. Aber der neue, soeben veröffentlichte Jahresbericht macht wieder einmal der alten Tradition der Schweigsamkeit alle Ehre, nicht ohne daß man sich allerdings ausdrücklich entschuldigt.

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