Die Westberliner Exklave braucht militärischen Schutz

Von Sabina Lietzmann

Berlin, im August

Die knapp zweihundert Einwohner der Gemeinde Steinstücken befinden sich Berlin gegenüber in der gleichen Lage, in der sich Berlin der Bundesrepublik gegenüber befindet, nämlich in inselhafter Isolierung. Sie sind mit dem „lestland“ nur durch einen Korridor verbunden, der von Volkspolizei bewacht und kontrolliert wird. Allerdings haben die Verkehrswege nach Berlin vor der zwölfhundert Meter langen Landstraße nach Steinstücken dies voraus: sie werden emsig passiert. Nach Steinstücken hingegen dürfen nur die dort ansässigen Bewohner, die den beiden Volkspolizeiposten an der Grenzbarriere am Südrand von Wannsee längst bekannt sind und die nur selten die Personalausweise vorzuzeigen brauchen, außerdem Briefträger, Schornsteinfeger und, in „Notfällen“, Arzt und Leichenwagen. Schon den Feuerwehrleuten und Handwerkern aus Westberlin werden mitunter Passierscheine abverlangt, und andere Westberliner Bürger dürfen überhaupt nicht passieren, nicht einmal der Bürgermeister von Zehlendorf, zu dessen Dienstbereich die Exklave Steinstücken gehört.

Das schmale Villengelände zwischen Wannsee und Babelsberg am Südwestrand Berlins war in der vergangenen Woche Schauplatz einer Invasion bewaffneter Volkspolizisten. Achthundert Mann umstellten und durchsuchten mit Spürhunden das Gebiet, um – was ihnen auch gelang –einen Mann wieder einzufangen, der auf die Westberliner Exklave geflüchtet war.

Dieser klare und brutale Übergriff auf Westberliner Gebiet war ganz offenbar ein besonderes Manöver und kaum die „von langer Hand vorbereitete“ Operation, die man in Bonn darin sah. Dafür spricht die Verlegenheit, mit der Pankow den Vorfall zu bagatellisieren versucht. Nur sechzig Mann hätten sich an der Aktion beteiligt, behauptet das Innenministerium, und nur auf dem Territorium der DDR. Denn, so heißt es, „die Angehörigen der Deutschen Grenzpolizei haben strikte Anweisung, Westberliner Gebiet nicht zu betreten Nur ein einziger Mann habe „versehentlich“ seinen Fuß auf Steinstückener Boden gesetzt, sich aber nach Aufklärung durch die Einwohner sofort korrekt wieder zurückgezogen. Ein Offizier habe sich später – was aus Steinstücken bestätigt wird – bei der Amtsleiterin „für dieses Vorkommen entschuldigt“.

All dies spricht nicht für eine planvolle Operation, sondern für eine durch besondere Umstände ausgelöste Verfolgungsaktion; der Flüchtling muß, obwohl Ostberlin von kriminellen Delikten spricht, seinen Verfolgern politisch sehr wertvoll gewesen sein.