Von G. Blöcker

Die Wege des Ruhms sind sonderbar. Während Faulkner, Hemingway und – mit einigem Abstand – Dos Passos auch in Deutschland hochgeachtet sind, während sie als die eigentlichen Repräsentanten der modernen amerikanischen Prosa gelten, als diejenigen, die den entscheidenden Beitrag Amerikas zum neuen Erzählen geleistet haben, ist Sherwood Anderson, der Mann, der ihnen bahnbrechend voranging, bei uns nie in die vorderste Linie des Interesses gerückt. Es erging ihm bis zu einem gewissen Grade wie seiner und Hemingways Lehrerin Gertrude Stein – er erfüllte sich in denen, die von ihm lernten. Zumindest gilt das für seine Wirkung außerhalb Amerikas.

Die Welt fragt nicht nach Prioritäten, sie reicht nicht den Entdeckern die Krone, sondern den Vollendern. Und das waren Faulkner, Hemingway, auch Scott Fitzgerald und später (in seinen Kurzgeschichten) Steinbeck.

Überdies: Europa hatte Joyce, Virginia Woolf und D. H. Lawrence. So ist es zu erklären, wenn auch kaum zu rechtfertigen, daß es fast vier Jahrzehnte gedauert hat, bis jetzt das Werk in deutscher Sprache vorliegt, das (1919 erschienen) dem Verfasser in Amerika zum Ruhm verhalf:

Sherwood Anderson: „Winesburg, Ohio“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M., Band 44 der Bibliothek Suhrkamp; 194 S., 4,80 DM.

Der Autor der deutschen Fassung, Hans Erich Nossack, nennt das Buch einen „Roman um eine kleine Stadt“. Im Original sind es nur „Erzählungen aus dem Kleinstadtleben Ohios“. Aber Nossick hat nicht so unrecht: es handelt sich, wenn man so will, um einen Roman kaleidoskopischer Machart. Aus den siebzehn Porträts durchweg wunderlicher Käuze formt sich eine bestimmte Menschenwelt, eben die jener amerikanischen Kleinstadt, von der der Titel spricht. Der Eindruck, daß dies in der Tat mehr ist als eine Sammlung von Kurzgeschichten, daß hier eine besondere formale Konzeption am Werke war, wird durch den Kunstgriff verstärkt, daß der Autor eine Figur in fast allen Erzählungen auftreten läßt: einen jungen, sympathischen Zeitungsmann, der selbst den vertracktesten Sonderlingen von Winesburg Vertrauen einflößt und so die Rolle des „Seelenöffners“ spielt. Mit der Zeit jedoch – und das ist besonders gelungen – gewinnt diese vermeintliche Nebenfigur mehr und mehr an Eigenleben, wir nehmen Anteil an dem Werden des jungen Mannes, so daß am Ende aus dem, was bloß ein Geschichtenbündel zu sein schien, fast ein Entwicklungsroman geworden ist. Aber auch sonst gibt es genug Schicksals-Verflechtungen von einer Erzählung zur anderen, um dem Leser das Wohlgefühl einer losen und doch zwingenden Komposition zu vermitteln.

Das Bild der kleinen Stadt, das solcherart im Mosaik vor uns ersteht, ist freilich nicht ohne Einseitigkeit. Sherwood Anderson ist Pathograph, das heißt, er gibt dichterisch illuminierte Krankengeschichten zum Teil durchaus klinischen Zuschnitts. Freud und die Psychoanalyse gehören zu seinen entscheidenden Erfahrungen – so sehr, daß man manchen seiner Arbeiten vorwarf, sie seien nur noch psychoanalytisches Anschauungsmaterial.