Das Tempo der Aufwärtsbewegung am dem Aktienmarkt war in dieser Woche zeitweise wieder recht scharf. Die feste Tendenz wurce nur noch selten durch Gewinnmitnahme unterbrochen, weil sich bislang eigentlich immer gezeigt hat, daß man wohl mit Gewinn verkaufen konnte, aber nur selten das Glück hatte, billiger wieder „einsteigen“ zu können. Hinzu kommt, daß heute jeder Verkauf (aus Gründen der Gewinnsicherstellung) die schwierige Frage aufwirft: Wohn mit dem Geld?

Nach den langanhaltenden Steigerungen wird es immer schwieriger, dem in den hohen Kursen liegenden Kursrisiko auszuweichen. Deshalb auch die Käufe bei den Montanen, bei denen von der Konjunktur her kaum Kurssteigerungen zu rechtfertigen sind, die aber dennoch gesucht werden, weil man bei ihnen mit Fug und Recht sagen kann, daß in ihren Kursen allen Risiken Rechnung getragen wird. Natürlich fällt es den Banken nicht ganz leicht, ihrer Kundschaft Montanaktien zu einem Zeitpunkt schmackhaft zu machen, an dem der Bergbau ununterbrochen mit SOS-Signalen arbeitet. Man sagt der Kundschaft, daß man bei der Aktienbewertung nicht allein das Ergebnis eines einzigen Geschäftsjahres heranziehen darf. Gewinnschmälerungen eines Jahres brauchen insbesondere bei gut fundierten und leistungsstarken Unternehmungen nicht gleich zu einer Verschlechterung der langfristigen Ertragsaussichten zu führen. „Ähnliche Erwägungen“, so heißt es in einem Börsenbericht der Berliner Bank, „dürften auch die Verwaltungen veranlassen, die in den günstigeren Vorjahren gezahlten Dividendensätze schon aus Kontinuitätsgründen beizubehalten.“ Hoffentlich, hoffentlich...

Etwas zu sehr in den rosaroten Farbtopf scheint ein Vaduzer Informationsdienst gegriffen zu haben, der seinen Lesern den Kauf von Thyssen-Aktien empfiehlt, dabei die ohne Zweifel guten Grundlagen der August Thyssen-Hütte AG aufführt und zu folgendem Schluß kommt: „Das Unternehmen verfügt über bedeutende Reserven und könnte jederzeit nicht nur die Dividende auf 12 v. H. erhöhen, sondern auch Gratisaktien ausgeben!“ Auf das „können“ kommt es jedoch allein nicht an, sondern auf das, was die Verwaltung verantworten zu können glaubt. Und das sind nach Börsenmeinung keine 12 v. H.

Der Schwerpunkt des Börsengeschäfts lag in den letzten Tagen allerdings weniger bei den schwerindustriellen Werten als bei den IG-Farben-Nachfolgern, Banken und Elektrowerten. Den heutigen Bankkursen werden noch beträchtliche Reserven zugebilligt; angesichts des Umstandes, daß die Mehrzahl der Aktionäre an ihrem Besitz festhält und sämtliche Investment-Gesellschaften über große Bestände an Bankaktien in ihren Fonds verfügen, ist der Markt so eng, daß an manchen Tagen die Nachfrage trotz erheblich heraufgesetzter Kurse nicht voll befriedigt werden konnte.

Die Ausländer interessierten sich vornehmlich wieder für Bad. Anilin, Bayer, Hoechster, AEG und Siemens. Für einigermaßen aussichtsreich hält man übrigens auch die AEG-Wandelanleihe. Sie wird von solchen Wertpapiersparern bevorzugt, die es für an der Zeit halten, substanzgesicherte Wertpapiere zu erwerben. Die Inflationshausse in den USA hat mancherlei Bedenken hervorgerufen und dabei auch zu Vergleichen mit den deutschen Verhältnissen veranlaßt. Im Augenblick ergeben solche Vergleiche allerdings ein schiefes Bild, um so mehr, als berechtigte Hoffnungen bestehen, daß die Kaufkraft der D-Mark in den nächsten Monaten stabil bleiben wird. Man würde das Kind mit dem Bade ausschütten, wenn man dem Rat eines Stuttgarter Wirtschaftsdienstes folgte, der seinen Abonnenten „weiter dringend abrät, nichtsachwertgesicherte Dollarwerte und festverzinsliche D-Mark-Papiere zu kaufen!“ Selbstverständlich sollte man sich durch die teilweise bessere Verzinsung am Rentenmarkt nicht einseitig in festverzinslichen Werten engagieren, aber Anlaß für eine hundertprozentige Drehung in Aktien besteht zur Zeit nicht. Immerhin gibt es viele Anleger, die heute – da sich die Rendite von Renten und Aktien einander genähert haben – den Aktien wegen der bei ihnen vorhandenen Kurschancen den Vorzug geben.

Derartige Überlegungen haben die Tendenz auf dem Rentenmarkt – angesichts der Geldfülle – natürlich nicht beeinflussen können. Die neue 6prozentige Hoesch-Anleihe war ebenso schnell ausverkauft wie die 6prozentige Emission der Kreditanstalt für Wiederaufbau, für die hauptsächlich Großanleger Interesse hatten. In den nächsten Wochen wird sich das Angebot auf dem Rentenmarkt etwas verbreitern, da größere Emissionen vor der Tür stehen. Natürlich ist auch deren rasche Unterbringung gesichert; offen bleibt nur die Frage, inwieweit bei den Käufern der Wunsch für eine echte Vermögensanlage vorliegt, oder ob es sich bei ihnen nur um die vorübergehende Unterbringung der Liquidität handelt. Das letztere könnte für den Rentenmarkt eines Tages sehr peinlich werden. Kurt Wendt