In diesen Bädern sind im Laufe der letzten hundert Jahre Tausende von Kranken geheilt worden. Mit allen Fällen aber hat sich das Bureau des Constustations, das ärztliche Feststellungsbüio, befaßt, in dessen Archiv etwa 6000 Heilungsakten liegen; 500 bis 600 davon sind als „medizinisch unerklärliche Fälle“ festgehalten worden. Die übrigen Heilungen sind zwar den Gläubigen als Wunder erschienen, doch wollten sie die Ärzte nicht in Betracht ziehen, entweder weil die Kranken nicht als unheilbar betrachtet werden konnten oder weil die Akten wissenschaftlich nicht sorgfältig genug zusammengestellt worden waren. Die Kirche, in dieser Frage sehr zurückhaltend, hat nur 54 Heilungen als Wunder bestätigt.

Wenn ein Kranker glaubt, er sei geheilt, dann wird er von seinen Pflegern in das ärztliche Feststellungsbüro gebracht. Dort erfolgt eine bis ins kleinste Detail vollständige Untersuchung. Danach wird der Kranke einer Plenarsitzung vorgeführt, an der alle in Lourdes anwesenden Ärzte teilnehmen. Hat man eine Heilung festgestellt, so bittet man den Kranken, sich im darauffolgenden Jahr wieder einzufinden. Stellt man bei all diesen Untersuchungen fest, daß die Krankheit wirklich bestanden hat, daß sie äußerst ernster Natur wir und daß die Wendung sich rasch und plötzlich, um nicht zu sagen: augenblicklich ereignete, daß außerdem die Gesundung von Anfang an vollständig und endgültig war und daß es sich nicht allein um eine funktionelle, sondern wesentlich um eine organische Heilung handelt, erst dann erkennt das ärztliche Feststellungsbüro an, daß der Kranke in Lourdes geheilt wurde. Jetzt wird außerdem ein internationales Arztkomitee eingeschaltet. Dieses Gremium besteht aus 40 Ärzten, die fast alle Universitätsprofessoren oder Ärzte in großen Krankenhäusern sind. Jedes Jahr überreicht man diesem Komitee von den rund 40 Heilungen, die im Laufe des Jahres vorkamen, die zwei oder drei eindrucksvollsten und am schwersten zu erklärenden Fälle. Wenigstens die Mehrheit dieser Ärzte muß die Ansicht vertreten, daß die Heilung medizinisch unerklärlich ist. Erst dann werden die Akten der kirchlichen Behörde übergeben.

Am Nachmittag haben die Kranken ihre große Stunde. Am Nachmittag ist Sakramentsprozession zu Ehren der Kranken – vierzehnhundert zähle ich an diesem Tag. Während sie auf dem abgesperrten Rosenkranzplatz aufgebahrt sind, zieht der fast endlose Zug der Gläubigen mit frommen Gesängen an ihnen vorbei. Es ist ein schönes, farbenprächtiges Bild. Dem Zug voran schreiten Jungfrauen in hellblauen Kleidern, dahinter die Ordensfrauen in schwarzer und weißer Tracht. Alle Fahnen sind zu Gottes und zur Ehre der Kranken aufgeboten. Es folgen die Mönche: Dominikaner in Weiß, Alexianer in Braun, Jesuiten in Schwarz, ein unabsehbarer Zug. Am Schluß des Zuges gehen die weltlichen Priester. Hell leuchtet das Rot der Bischöfe. Die silbernen und goldenen Stickereien auf den Gewändern des Klerus glitzern in der südlichen Sonne. Hinter dem Allerheiligsten schreiten die Mitglieder des ärztlichen Feststellungsbüros. Pausenlos schallt der Gesang durch den heiligen Bezirk, durch ganz Lourdes: Lauda Jerusalem, Dominum, lauda Deo gratias ...

Dann gehen die Priester mit dem Allerheiligsten zu den Kranken. Je vier oder fünf liegen in einer Reihe hintereinander. Jede Reihe erhält den sakramentalen Segen. Der Bischof kommt zu dem Kranken, zu ihm allein; er kommt mit dem Allerheiligsten, während die gläubige Menge außerhalb der Absperrung singt: Lauda Jerusalem Dominum...

Unfreiwillig Krankenträger

Es begann damit, daß ich nach der Sakramentsprozession in der unterirdischen Kirche St. Pius dem Ausgang zustrebte. Hier rief mich ein Amerikaner an: „Come on, Boy.“ Er drückte mir die Deichsel eines Krankenfahrstuhls in die Hand und machte mir mit wenigen Handbewegungen klar, daß ich nur dem vorderen Wagen zu folgen brauche. Eine Weile ging das gut, obwohl ich eine ziemliche Last bekommen hatte: In dem Fahrstuhl saß ein gewiß zwei Zentner schwerer Fleischkoloß, ein Mann, unförmig und verquollen, mit einem viel zu kleinen Kopf, der schräg zur Seite hing. Hinter ihm ging eine Frau in ländlicher Kleidung, dem Pilgerabzeichen nach eine Italienerin, und betete den Rosenkranz.

Die Steigung aus der unterirdischen Kirche hinauf zur Straße brachte mich in Schweiß. Oben ging es leichter, wenn auch nicht ohne Beschwerde. Der schaurige Zug der Krankenfahrstühle stockte dauernd. Und bei jedem Halt stieß mir die Deichsel kräftig in den Rücken.