Erfüllt von frommem Gesang, so läuft der Pilgerzug in Lourdes ein. Eine vortreffliche Qrganisation kümmert sich um die eingetroffenen 712 Menschen. Diese Organisation betreute im Jahre 1951 nicht weniger als 16 Millionen Pilger aus aller Welt. 1952 waren es 18 Millionen. 1953 "nur"13 Millionen;1954, im Marianischen Jahr, kamen 26 Millionen,18 Millionen im Jahre 1955; 1956 waren es abermals 18 Millionen Pilger; 1957 kam abermals die gleiche Zahl. In diesem Jahr, in dem das hundertjährige Jubiläum der Erscheinungen gefeiert wird, werden 5 Millionen erwartet, Pilger aus allen Teilen der Erde. Es ist fast ein großstädtischer Lärnv der mir entgegenschlägt, wenn ich aus meinem Hotel in der Avenue Bernadette Soubirous trete. Es liegen in dieser Straße 31 Andenken Läden, fünf Hotels, ein Cafe eine Buchhandlung und ein Krankenhaus. An der Ecfce aber, gegenüber vom heiligen Bezirk, ist das große Kaufhaus Ermitage. Daraus ertönen über die Lautsprecher unentwegt religiöse Lieder " Ave Maria Und dazwischen fährt eine Stimme, die in mäßigem Deutsch verkündet:" Nirgendwo kaufen Sie billiger als hier Und dann setzt der Chor wieder ein: gratia plena " Was hier so billig ist wie nirgendwo sonst, liegt auf Theken und Tischen ausgebreitet: Statuen der Muttergottes, das Bild der Bernadette, sogar auf Zigarettenspitzen, auf Seifendosen,auf Brief taschen und Serviettenringen, Parfümflaschen, auf Briefmappen, Taschenmessern, Aschenbechern,kurz: auf jedem erdenklichen Gegenstand. 480 Läden, die solche "Andenken"feilbieten, gibt es in Lourdes, einem Städtchen von knapp 16 000 Einwohnern. Die katholische Illustrierte " Visage de Lourdes"spöttelte:" Eine seltsame Stadt, in der die Geschäfte des Himmels die Geschäfte der Erde zum Blühen bringen Und der Bischof von Lourdes und Tarbes, Monsignore Theas, hat diese übermäßige Geschäftigkeit in einem Hirtenschreiben angeprangert:" Es hat nichts mit Frömmigkeit zu tun und muß ein Mißbrauch genannt werden, wenn das Bild der Allerheiligsten Jungfrau auf so profanen Gegenständen, wie Feuerzeugen und Pfeifen, dargestellt wird Genützt hat seine Mahnung wenig. Nach wie vor ist die Muttergattes als Flasche der große Verkaufsschlager der Saison.

Von der Avenue Bernadette Soubirous aus gelangt man in den heiligen Bezirk Über einem Tor steht eine fünf Meter hohe SchutzmantelMadonna aus Neon Leuchtröhren. Und hier hören alle Geschäfte auf. Hier ist Stille zum Beten und zur heiligen Messe. Hier ist auch der "Calvarienberg", auf dem die Pilgergruppen ihre Kreuzwegandachten halten. Hier sind in einer Kapelle 47 Beichtstühle, in denen in fast allen Sprachen gebeichtet werden kann. Hier sind die großen Kirchen von Lourdes: die Basilika, die Rosenkranzkirche und die Krypta, drei Kirchen übereinander, Kirchen im Zuckerbäckerstil der Jahrhundertwende. Und hier ist auch die große unterirdische Kirche des modernen Architekten Pierre Vago, hier ist auch die Grotte, das eigentliche Ziel aller Pilger.

Zur Grotte führt unser erster Weg, zur "Begrüßungsandacht"". Mit einem Marienlied zieht unsere Pilgergemeinschaft den Gave hinab. Aber auf halbem Wege müssen wir warten. Die Grotte ist besetzt — schon seit fünf Uhr morgens besetzt, wie die großen Stundenpläne an den Eingängen ausweisen: 5 Uhr — Diözese Rodez; 5 30 Uhr — Langres; 6 00 Uhr — Bombay. Und so sehe ich außer deri Köpfen vor mir zunächst nur die etwa zwanzig Meter hohe Felswand. In ihrer unteren Hälfte hat sie drei runde Nischen. In der linken, die wohl sechs Meter hoch und drei Meter tief ist, brennen auf zwei Gestellen 200 Kerzen. Ober den Kerzen hängen an Drähten, rauchgeschwärzt 52 Krücken und 42 Krückstöcke jenes Typs, wie er vor 40 Jahren gebräuchlich war. In der kleinsten Nische zur Rechten aber steht die weiße Madonnen Statue. Sie hat die Hände gefaltet und trägt einen Rosenkranz von ziemlicher Größe. Auf den nackten, hervorschauenden Füßen glänzen zwei goldene Rosen — alles in allem ein Bild erstaunlicher Einfältigkeit, das im Jahre 1879 von einem Mann namens Fabiich fabriziert wurde und vor dem Bernadette schon erschreckt ausrief: "So hat die Dame nicht ausgesehen!" Die dritte Nische, die eigentliche Grotte zu ebener Erde, ist noch nicht zu erkennen. An die 600 Pilger haben sich vor ihr versammelt. Ihr Priester tritt an das Mikrophon und beginnt seine Predigt.

Mittelpunkt der Predigten an diesem Ort siid die Erscheinungen, die 1858 hier Bernadette Scubirous hatte. Die Chronik berichtet: Bernade:te ging — gemäß dem Wunsch der Dame — vierzer nmal zur Grotte. Immer mehr Menschen aus Lourdes und Umgebung gingen mit ihr hinaas, um das Wunder zu erleben. Sie sahen aber nicks anderes als die verzückte Bernadette, die nvit großen Augen in den oberen Teil der Grotte schaute. Nach der fünften Erscheinung, am Samstag, dem 20. Februar 1858, sagte Bernadette: "Die Dame hat mich ein Gebet gelehrt. Es ist nur fiir mich bestimmt Weiteren Fragen wich sie aas. Nie hat jemand dieses Gebet gehört. Am nächsten Tag, dem Sonntag, zogen Hunderte zur Grotte. Alle wollten wissen, wie die Dame aussih und was sie gesagt hatte. Bernadette gab ihre Beschreibung und erklärte: "Die Dame hat gesagt: Betet für die Sünder!" Der Menschenauflauf zm Sonntag hatte die Polizei in Unruhe verseilt. Noch am selben Abend wurde Bernadette vor geladen. Der Kaiserliche Staatsanwalt forderte das Mädchen auf, den Unfug zu lassen und die Grotte zu meiden. Bernadette antwortete: "Ich habe versprochen, vierzehn Tage dorthin zu gehen. Ich fühle mich von einer unwiderstehlichen Kraft getrieben Am nächsten Tage gingen_die Gendarmen mit zur Grotte. Die Dame erscheint nicht. Spott wird laut: Die Dame hat Angst vor der Polizei. Am 24. Februar 1858 sahen mehrere hundert Menschen, wie Bernadette in ihrer Verzückung lächelte, dann auch weinte. Schließlich rutschte sie auf den Knien ganz nahe an die Grotte heran, wandte sich um und rief der Menge irn Namen der Dame dreimal "Buße" zu. Dann fiel sie nieder und küßte die Erde.

Vierundzwanzig Stunden später konnte sich Bernadette nur mühsam ihren Weg durch die riesige Menschenmenge bahnen, als sie zur Grotte wollte. Dort fiel sie nieder und betete den Rosenkranz und wurde — sehr zur Enttäuschung der vielen Menschen — nicht verzückt. Dennoch sahen die Leute etwas Außergewöhnliches. Bernadette kratzte mit den Händen den Boden auf: Schlammiges, erdbraunes Wasser quoir hervor. Das Mädchen trank davon und beschmierte sich das Gesicht mit Lehm. Dann aß sie von den Krautern, die an der Grotte wachsen. Später sagte sie: "Die Dame hat mir befohlen: Trinken Sie von der Quelle und waschen Sie sich darin. Essen Sie von den Krautern, die Sie dort finden " Die Predigt ist zu Ende. Langsam bewegt sich der Zug der Betenden dem Ausgang zu. Schon stehen wir unter dem Felsen, der auch an dieser Seite von abermals hundert Kerzen rauchgeschwärzt ist — aber nur bis in Manneshöhe. Unten ist der Felsen blank. Einige fallen auf die Knie nieder und pressen den Kopf gegen den Felsen. Sie breiten die Arme aus, wollen den Fels umarmen. Die deutsche Pilgerin neben mir hat Briefe ihrer Angehörigen mitgebracht "An die Gottesmutter in Lourdes" steht in steilen Lettern auf dem ersten Umschlag. Nun kniet sie nieder und stimmt ein in das innige Gebet der Pilgergemeinde. Hier sprechen alle ihre Bitten aus, hier ist für sie die Muttergottes selbst zugegen; und sie lieben sie, wie die Kinder ihre Mutter lieben. Und das ist erstaunlich im 20. Jahrhundert.

Was hier geschieht, ist in gewissem Sinn ein Novum in der fast zweitausend Jahre alten katholischen Kirche. In der Vergangenheit ist Erscheinungen niemals eine solche Bedeutung beigemessen worden wie in den letzten hundert Jahren, jenem Zeitabschnitt, den man manchmal das "marianische Zeitalter" nennt. Die frühe Kirchengeschichte kannte, nach jenen Gesichten, die in der Apostelgeschichte berichtet werden, nur Erscheinungen, die in der privaten Sphäre blieben, mochten sie auch Märtyrern und Heiligen zuteil geworden sein. Die Liturgie nahm keine Notiz von ihnen. Seit dem 19. Jahrhundert aber wurden Marien Wallfahrtsorte weltbekannt: Lourdes, Fatima und La Salette; sie wurden jedoch nur zögernd von der Kirche anerkannt. In Lourdes hat es zwanzig, in Fatima fünfundzwanzig Jahre gedauert, ehe die Kirche ihr Plazet sprach. Hierzu sagt der katholische Theologe und Dogmatiker Professor Michael Schmaus: "Selbst wenn die Kirche nach sorgfältiger und umsichtiger Prüfung eine Privatoffenbarung als echt anerkennt, wird diese niemals als Gegenstand einer allgemeinen Glaubenspflicht vorgelegt. Die kirchliche Approbation sagt vielmehr, daß die Privatoffenbarung nicht mit der allgemeinen und öffentlichen Offenbarung im Widerspruch steht und daß sie der geistlichen Erbauung dienen könne. Wenn von Privatoffenbarungen religiöse Bewegungen ausgegangen sind und zu kirchlichen Lehräußerungen geführt haben, so haben sie nur den Anstoß gebildet für die Vorlage dessen, was im depositum fidei enthalten ist " Grundsätzlich ist die Kirche dem Wunder gegenüber zwar offen: Gott, der Allmächtige, kann zu jeder Zeit und an jedem Ort Wunder tun. Aber die Kirche weiß auch, daß Menschen gar zu leicht irren. Und das, was von Gläubigen als Wunder empfunden wird, hat erst dann Aussicht auf Anerkennung, wenn die Kirche einen Zusammenhang mit dem großen Heilsplan Gottes sieht.

Und liegt es nicht im Heilsplan Gottes, wenn unübersehbare Scharen frommer Pilger aus allen Ländern zur Grotte von Lourdes kommen und dort ihren Glauben, ihre Frömmigkeit neu entzünden und ermutigt werden, ihr Leben den christlichen Geboten gemäß zu gestalten? Ferner erlangten die Gläubigen dort nicht selten Wunder, die sie mit heiliger Begeisterung erfüllten. Und so haben denn schließlich die Päpste jenes wunderbare Heiligtum, das die Frömmigkeit von Klerus und Volk errichtete, mit besonderen Gnadenprivilegien ausgezeichnet.