Den Warschauer Grotewohl hat man ihn genannt, den polnischen Ministerpräsidenten Jozef Cyrankiewicz: Warschauer Grotewohl, weil Cyrankiewicz wie sein ostzonaler Amtskollege alle Stürme der stalinschen und nachstalinschen Zeit unbeschadet überdauert hat und weil er wie dieser zu den ehemaligen Sozialdemokraten gehört, die nach dem Kriege mit den Kommunisten paktierten und damit die gewaltsam aufgerichtete Fiktion von der „Einheit der Arbeiterklasse“ in den Volksdemokratien befestigen halfen.

Jetzt, da in Polen der Kirchenkampf von neuem auflebt, wird mancherwärts die Frage gestellt: Wo steht Cyrankiewicz? Und es wird daran erinnert, daß er es war, der 1948, um die Kirche gefügig zu machen, dem polnischen Klerus die Enteignung des kirchlichen Grundbesitzes und das Verbot des Religionsunterrichts in den Schulen androhte. Niemand weiß, welche Rolle er heute wirklich spielt – ob er lediglich ein Schaustück des Regimes ist oder ob er tatsächlich Einfluß auf die große Politik Volkspolens ausübt.

Der heute 47jährige wurde als Sohn eines gutsituierten Fabrikanten 1911 in Tarnow im Bezirk Krakau geboren. An der Krakauer Universität, wo er einige Semester Jura studierte (sein Studium aber nicht abschloß), fand er den ersten Kontakt mit der sozialistischen Jugendbewegung. Von 1933 an gehörte er der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) an, und schon zwei Jahre später rückte er zum örtlichen Parteisekretär auf.

Bei Kriegsausbruch wurde der Reserveoffizier der Artillerie Jozef Cyrankiewicz eingezogen und geriet in deutsche Gefangenschaft; er brach jedoch bald aus dem Gefangenenlager aus Und baute im Bezirk Krakau eine Widerstandsgruppe auf. Die Gestapo kam allerdings 1941 seiner Untergrundarbeit auf die Spur und setzte ihn fest: Vier Jahre brachte er in Auschwitz und Mauthausen zu.

Es heißt, Cyrankiewicz habe es dank seiner Geschicklichkeit und Organisationsgabe fertiggebracht, im KZ andere Mithäftlinge an den drohenden Gaskammern vorbeizulavieren. Er selbst wiederum soll sein Überleben vor allem der Hilfe kommunistischer KZ-Insassen verdanken. Aus jener Zeit datieren seine Sympathien für die Kommunisten und auch deren Sympathie für ihn.

Cyrankiewicz machte sich, als die Sowjets Polen im Jahre 1944 besetzt hatten, nichts vor: Er erkannte, daß damit für die Polnische Kommunistische Partei die Stunde des Aufstiegs geschlagen hatte. Als sich innerhalb der Sozialistischen Partei unter Führung des späteren Premiers Osobka-Morawski ein linksextremer, KP-freundlicher Flügel bildete, schloß er sich dieser Gruppe an und wurde bald ihr Generalsekretär. Cyrankiewicz war es dann auch, der 1947/48 die Zwangsverschmelzung der Polnischen KP (PPR) mit der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) zur Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei (PZPR) vorbereitete und für die Sozialisten das Fusionsabkommen unterzeichnete. Schon im Februar 1947 war er zum Ministerpräsidenten gewählt worden – zu einer Zeit also, da in Polen die Liquidierungsaktionen gegen alle anderen Parteien auf Hochtouren liefen.

Von allen Mitgliedern des Politbüros war der Intellektuelle Cyrankiewicz damals wohl als einziger beim Volk beliebt. Die Polen hielten ihn für einen klugen Politiker – für zu klug, als daß er sich jemals dem Kommunismus verschreiben könnte. „Wenn er mitmacht“, hieß es im Lande; „dann wird er schon seine Gründe haben ...“ Die Phantasie der hoffnungsvollen Polen ging so weit, daß sie in ihm einen heimlichen Kollaborateur mit dem Westen zu erkennen meinten, der ihnen die Erlösung vom Kommunismus bringen werde.