Von Ossip Kalenter

Wenn man von Mailand durch die Lombardische Ebene und die Emilia mit dem Autobus reist, der hier noch „Corriera“ (Postkutsche) heißt, oder mit dem eigenen Wagen, kommt man in Reggio an der Porta Castello an: einer Straßenkreuzung vor der Stadt. Zwei Wartehäuschen warten auf die Überlandbusse. Affichen sorgen für Zerstreuung: Zahnpasta- und Vermouth-Reklamen locken die präsumtiven Käufer, Fahrpläne unterrichten den Reisenden, und die aushängende „Unità“, das Zentralorgan der Kommunistischen Partei (denn wir sind in der „roten Emilia“), bietet ihm „importantissime notizie“, Nachrichten von größter Tragweite.

Die alte Landstadt, von Geschichte, Handel und dem geruhigen Lauf der Dinge, der Menschen und der Jahreszeiten erfüllt, nimmt nicht allzuviel Notiz davon: nicht von den sensationellen Zeitungsmeldungen und nicht von dem (womöglich auf Sensationen erpichten) Fremden. Sensationen in Reggio? – Die beiden ersten Hotels der Stadt unterscheiden sich dadurch, daß das eine in einem alten Palazzo liegt und das andere in einem noch älteren Palazzo. Die guten Restaurants, in denen man würzigen, lilaschäumenden Lambrusco trinkt, sind schwer zu finden: Sie liegen in holprigen Gassen und gewähren dem Gast den Blick in die offene, kupferblitzende Küche. Um so leichter findet man zahlreiche Läden und Lädchen mit Grana, dem körnigen parmesanähnlichen Käse von Reggio, mit Brot, Wein, Salami; zahlreiche Café-Bars im Muschelmöbelstil des 19. Jahrhunderts und ein großes klassizistisches Theater, eines der ansehnlichsten Italiens, – dem seit dem Wiederaufbau dieses bombenzerstörten Stadtteils ein überraschend modernes Geschäftsviertel gegenüberliegt.

An leicht verfallenen Barockpalästen vorbei, hinter denen hohe mittelalterliche Türme ragen, gelangt man von der Porta Castello zum Zentrum; und dieses Zentrum gleicht noch immer dem Forum, das der römische Consul Marcus Aemilius Lepidus zu Beginn des zweiten Jahrhunderts v. Chr. anlegen ließ. Lepidi Regium, später Lepidum Regium, hieß der Ort, vom Volk einfach Regium genannt, woraus schließlich Reggio wurde. Und die Straße, welche die Stadt in zwei geometrische Trapeze teilt, ist noch immer die antike Via Aemilia, die eben dieser Marcus Aemilius Lepidus von der Adria bis zum Po bauen Um das edle Rechteck des Platzes stehen der romanische Dom mit der nie vollendeten Renaissance-Fassade von Bartolomeo Spani und seinem Neffen Prospero, genannt „il Clemente“ (der Sanfte), und die unverputzten, backsteinnackten Palazzi der einstigen Stadtverwaltung; denn im Mittelalter war Reggio eine freie Stadt. Das vollendete Innere des Domes, dessen Fassade nur geniales Fragment blieb, ist reine Renaissance. Das Flackern der Lichter und das Murmeln vereinzelter Beter war in der Kirche, als ich sie gegen Abend betrat. Die riesige steinerne Sanduhr am Grabe des Uhrmachers Cherubino Sforzano, stand still. Im Hintergrund aber empfängt den Gast, groß und segnend, auf seinem gelben Marmorgrabmal sitzend, Bischof Ugone Rangone, mit wallendem Gewande und wallendem Bart. Ein Werk, in dem etwas von der Kraft des Moses von Michelangelo enthalten ist. Der Stil der Zeit verlangte diese Erhebung ins Mythische, ins Göttliche. Die Grabschrift jedoch verkündet das Menschliche: daß dieser Sproß der noblen Familie der Rangoni Bischof von Reggio war und als Diplomat (in Diensten von Papst Paul III., Alessandro Farnese) in Deutschland und Spanien am Hofe Kaiser Karls V. wirkte – in einem Netz irdischer Intrigen also... Prospero il Clemente schuf das Monument und Vasari führt es bereits 1550 als Beispiel dafür an, wie „vorzüglich in seinem Berufe“ dieser Sohn Reggio. war.

Die lebensvollen großen Figuren von Adam und Eva hingegen, gleichfalls von Prosperos Hand in kräftiger Nacktheit draußen über dem zarten Bogen des Hauptportals gelagert – sie muß man zum Mittag sehen, wenn die Sonne den Platz in helles Gold zerschmilzt und Evas Leib, dem der „Morgenröte“ des Michelangelo verwandt, mit der Reife der Früchte wetteifert... und wenn die Landstadt Reggio in der weiten Emilia vom heißen Atem Pans getroffen wird.

Reggio ist eine Stadt fern vom Fremdenverkehr, doch nicht unberühmt in der Geschichte, die sowohl Franz I. von Frankreich wie Lorenzo il Magnifico aus dem Hause Medici hierher führte und die im Jahre 1797 auf dem Kongreß der von Bonaparte geschaffenen Cispadanischen Republik hier zum erstenmal jene frohe grün-weißrote Trikolore flattern ließ, die schließlich die Fahne des geeinten Italien wurde.

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