Hin und wieder bekomme ich Besuch aus Deutschland. Irgendein Herr Unbekannt steht plötzlich vor der Tür, um mir Grüße aus der Heimat zu überbringen von einem gemeinsamen Freund, oder auch nur, um „Guten Tag“ zu sagen, weil es sich in Dublin herumgesprochen habe, daß ich mich immer freue, wenn ein Landsmann bis in die Einsamkeit der Berge vordringt.

Aber ich schätze solche Besuche en passant wirklich, denn es interessiert mich zu erfahren, Was diesem oder jenem Landsmann an Irland gefällt oder mißfällt, was sein erster Eindruck von der Insel war und wie sich die frisch aus Deutschland kommenden, noch nicht akklimatisierten Besucher neben den Iren ausnehmen. Gleichzeitig kann ich dann auch an mir feststellen, wie weit ich mich schon der irischen Mentalität und dem Lebensrhythmus dieses Landes angepaßt habe.

Als ich zuerst nach Irland kam und die deutsche Kunst, sich über Nichtigkeiten zu erregen, noch nicht verlernt hatte, eine Kunst übrigens, die auch im gegenwärtigen Deutschland noch fleißig geübt wird, zwar nicht mehr von Polizisten, dem Mann hinter dem Postschalter oder auf dem Behördenschemel, sondern von dem Herrn hinter dem Steuer seines Mercedes, von dem Erfolgreichen im Geschäftsleben, dem Vorangekommenen ... als ich mich wie gesagt noch über jede Nichtigkeit erregen mußte, kam ich in Irland aus dem Ärger nicht mehr heraus. Die Faulheit der Iren, ihre Unzuverlässigkeit, Unpünktlichkeit, Verspieltheit, ihr Hang zum Wegen, Trinken, zur Unordnung und eine Art Gewissens-Schlamperei irritierten mich auf Schritt und Tritt.

Heute bin ich sogar soweit, all diese irischen Charaktereigenschaften, über die ich mich anfangs so geärgert hatte, als Tugenden anzupreisen und die Emerald Island wirklich für einen Edelstein, einen Smaragd zu halten. „Denn“, sagte ich zu den beiden deutschen Besuchern, Großunternehmern aus Hamburg, die erst heute früh mit dem Flugzeug in Dublin eingetroffen waren, sich gleich ein Taxi gemietet, bereits in Athlone einen Geschäftsbesuch gemacht, aber noch sehr viel mehr in Irland zu erledigen hatten und deshalb, wie sie betonten, nur fünfzehn Minuten, keine Sekunde länger, sich bei mir aufhalten könnten: „Denn Irland sieht nur äußerlich so arm aus! In Wirklichkeit ist es ein reiches Land, das reichste Europas. Man muß seine Schätze nur erschließen! Kommen Sie doch herein zu einem kleinen Erfrischungstrunk!“

„Unerschlossene Schätze?“ Meine deutschen Besucher spitzten die Ohren. Ich hatte mich nämlich mit einigen Schreibereien über Irland als Kenner aufgespielt und war für soziologische, mineralogische und ökonomische Fragen „zuständig“ geworden. Man holte sich bereits bei mir Rat Ich nickte geheimnisvoll. Aber nicht länger als ungefähr zwanzig Minuten könnten sie bleiben, unter keinen Umständen länger, ihr Plan stände fest, unumstößlich, sagten die Besucher. Mir gefiel dieses „ungefähr zwanzig Minuten“ und das entschlossene „unumstößlich“. Meine Gegenwart mußte schon mit ihrem zersetzenden Einfluß begonnen haben, denn eben noch hatten sie auf fünfzehn Minuten bestanden.

„Nun, wie war es mit den unerschlossenen Schätzen im irischen Kohlgarten?“ fragten sie gespannt, fast verängstigt, als hätten sie, die Erfolgreichen, Vorangekommenen, eine Goldader übersehen oder eine Ölquelle verkannt.

Ich schenkte ihnen Whisky statt Wahrheit ein und tat, als ließe sich alles nicht im Vorbeifahren, innerhalb einer halben Stunde, auseinandersetzen, als brauchte man dazu viel Zeit, viel Ruhe und Sammlung. Sie aber wären nur äußerlich noch hier, sagte ich, mit ihren Gedanken aber wären sie bereits in Cork-Waterford-Limerick-Galway, wohin ihr Reiseplan sie bringen sollte. So in Eile befänden sie sich, daß sie nur den Rand des Sessels eingenommen hätten, statt sich – den Augenblick genießend – darin gemütlich auszustrecken, zu entspannen, was außerdem auch ihren Coronargefäßen gut tun müßte.