W. R., London, im August

Zwar hat man in der Bank of England seit längerem beschlossen, sich größerer Beredsamkeit zu befleißigen. Aber der neue, soeben veröffentlichte Jahresbericht macht wieder einmal der alten Tradition der Schweigsamkeit alle Ehre, nicht ohne daß man sich allerdings ausdrücklich entschuldigt. Eine ausführliche Studie über die währungspolitischen Erfahrungen der jüngsten Zeit sei dem Radcliffe-Ausschuß unterbreitet vorden, der vielleicht, je nachdem wie seine Empfehlungen ausfallen, eine Veröffentlichung ermöglichen werde...

Wer die umfangreichen Monats- und Jahresberichte der deutschen Notenbank gewohnt ist, kann nur mit höchster Verblüffung den einzigen jährlichen Bericht der Bank von England in die Hand nehmen, in dem ziemlich willkürlich einige Tatsachen und Zahlen registriert sind, alles auf nicht ganz zwanzig kleinen Druckseiten. Zum traditionellen Mobiliar gehören ein paar Worte und Zahlen über die Rohstoffmärkte in London, auf deren Entwicklung die britische Notenbank nach dem Kriege größten Wert gelegt hat. Und immer noch werden diese Märkte ausgebaut, zuletzt durch Angliederung eines Terminmarktes für Kaffee. Dieser Rohstoff handel zieht eine Kette weiterer Geschäfte nach der Londoner City. Am Balte Exchange chartert man den Schiffsraum, bei Lloyd’s versichert man die Ladung, und nicht zuletzt wird dadurch für einen großen Zahlungsverkehr in Pfund Sterling gesorgt, also für Umsatz auf dem Geldmarkt in ausländischen Einlagen und Akzepten.

Im vergangenen Jahr wurden auf den Warenmärkten in London Rohstoffe im Betrage von 519 Millionen Pfund an Nicht-Sterlingländer abgesetzt. Wie schon im Vorjahre werden Zucker und Kopra rühmend als die Produkte mit den am stärksten steigenden – innerhalb eines Jahres verdoppelten – Umsätzen erwähnt. Für beide Erzeugnisse müssen die britischen Händler großenteils harte Dollar zahlen, während der Verkauf in London gegen Sterling erfolgt,

Ein bescheidenes Verdienst erwirbt sich die Bank von England alljährlich mit ihrer Statistik über das britische Auslandsvermögen, bescheiden deshalb, weil die Zahlen nicht ganz neuen Datums sind und überdies Nominalwerte von Anleihen, Aktien und Eigenkapitalien von Unternehmen munter gemischt sind. Deshalb darf man getrost davon ausgehen, daß die Markt- und Substanzwerte nicht unerheblich über den ausgewiesenen 2110 Millionen Pfund – nach dem Stande von 1956 – liegen. An Zinsen und Dividenden wurden daraus 223,1 Millionen Pfund vereinnahmt. Vollständiger und frischer waren da die Zahlen, die im April vom Schatzamt in dessen Weißbuch veröffentlicht worden sind, dort einschließlich der einbehaltenen Gewinne der Unternehmen im Ausland, von denen zwar der geringste Teil ins Mutterland transferiert worden sein dürfte. Ehrfurchtgebietend wie diese Zahlen sind, sollte man die Kehrseite der Medaille nicht außer acht lassen. Großbritannien, nach den USA der größte Auslandsgläubiger, hält in der Rangliste der größten Auslandsschuldner die Spitze.