Mit seiner Reise nach Athen und Ankara, der er noch einen unvorhergesehenen Abstecher nach Nicosia ins Sturmzentrum der zypriotischen Wirren folgen ließ, hat der britische Premierminister Macmillan das schwierigste aller Kolonialprobleme Englands neu angepackt. Seine Absicht war klar und bemerkenswert bescheiden. Es ging ihm nicht darum, eine Lösung für den hoffnungslos verknäulten Zypernkonflikt zu finden. Whitehall hat schon lange die Hoffnung aufgegeben, in der gegenwärtig erhitzten Atmosphäre Griechen und Türken für eine formelle Vereinbarung über das zukünftige Schicksal der Insel gewinnen zu können. Es gelingt den Engländern nicht einmal, die drei Interessenten an einem Tisch zusammenzubringen, geschweige denn den Abgrund des Mißtrauens zu überbrücken, das in Athen gegenüber den türkischen und in beiden Hauptstädten gegenüber den britischen Absichten besteht.

Schon der letzte britische Zypernplan hatte eine Entscheidung über die Grundfrage vorsichtshalber vertagen und nur eine „Übergangsregelung“ für vorerst sieben Jahre skizzieren wollen. Aber selbst dieses Provisorium hat weder vor den Augen der Türken Gnade gefunden noch gar den Griechen eingeleuchtet. Athen meinte im Vorschlag eines britisch-griechisch -türkischen „Tridominiums“, einer doppelten Staatsangehörigkeit für die Zyprioten und einer weitgetriebenen Autonomie für die beiden Volksgruppen Schritte wahrzunehmen, die in die Richtung einer Teilung des umstrittenen Eilands führen; während nach Meinung Ankaras diese Schritte noch nicht weit genug gingen. Damit aber geriet jeder britische Unterhändler in eine fast ausweglose Zwickmühle: wollte er den Bedenken der Griechen Rechnung tragen, um ihre Zustimmung wenigstens zu einigen Punkten des Plans einzuhandeln, so drohte dies Ankara zu verstimmen, während anderseits jedes Entgegenkommen gegenüber türkischen Wünschen die letzten Chancen für einen Kompromiß mit den Griechen verschütten mußte.

Noch ist man nicht über die Einzelheiten der Gespräche unterrichtet, die Macmillan auf seiner Reise führte (und das ist gut so: derart delikate Verhandlungen können durch übereifrige Publizität nur gestört werden), aber nennenswerte Erfolge scheint auch dieser jüngste Vorstoß nicht erbracht zu haben. Man kann dies daraus schließen, daß der Premier nach dem Abschluß seines Besuches in der türkischen Hauptstadt sich viel unverbindlicher und gedrückter äußerte als im Augenblick, da er Athen verließ. Am Ende seiner Unterhaltungen mit Karamanlis meinte er noch mit schöner Zuversicht, seine Aussprache habe sich gelohnt. Bevor er auf dem Flugplatz von Ankara wieder in seine Maschine stieg, blieb von diesem Optimismus nur noch die vage „Hoffnung“ übrig, daß der Friede auf Zypern wiederhergestellt werden könne...

Tatsächlich scheinen die Engländer selber nicht mehr daran zu glauben, daß sie ihren Plan für die „Übergangsregelung“ jemals werden in Kraft setzen können. Dies kühne, weitsichtige und zugleich vernünftigste Dokument in der jahrzehntealten, verworrenen Geschichte jenes Streitfalls wird wahrscheinlich wieder in der Versenkung verschwinden und die lange Liste zum Staub verdammter Verfassungsentwürfe bereichern. Von all den großzügigen Ideen, mit denen die Engländer ihren Vorschlag ausgestattet hatten, ist offenbar nichts mehr übriggeblieben als der Gedanke einer siebenjährigen „Abkühlungsperiode“.

Nun sieht es allerdings so aus, als ob die griechische und die türkische Regierung im Prinzip einer solchen Anregung nicht abgeneigt wären. Aber ihre „grundsätzliche“ Bereitschaft besagt leider wenig, es kommt auf die Bedingungen an, die sie daran knüpfen. Die einfache Fortdauer des bisherigen Kolonialregimes können sie begreiflicherweise nicht akzeptieren. Das erwartet England auch gar nicht. London möchte gern in der Zwischenzeit die Administration Zyperns „demokratisieren“ und der Bevölkerung einen größeren Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten einräumen. Sobald aber die Frage nach der Gestalt dieser inneren Reformen aufgeworfen wird, treten die alten und anscheinend unüberwindlichen Gegensätze wieder zutage.

Soll „Demokratisierung“ heißen, daß sich die türkische Minderheit der griechischen Mehrheit mindestens für die nächsten sieben Jahre zu fügen habe? Dazu werden die Türken niemals ihre Zustimmung erteilen, denn damit würden sie ihre Teilungsforderung aus der Hand geben. Auf der anderen Seite aber beschwört jedes Arrangement, das den Inseltürken wirklich wesentliche Selbstverwaltungsrechte einräumt, in griechischen Augen eben das Gespenst dieser Teilung herauf – und so gelangt die Diskussion wieder an ihren Ausgangspunkt zurück. Selbst gegen die Rückkehr des verbannten Makarios an die Spitze seines Erzbistums – was die Engländer gern heute schon als Preis für eine längere Ruheperiode konzedieren würden – scheint Ankara sein Veto einzulegen, während anderseits Berichte aus Athen darauf hindeuten, daß die griechische Regierung nach der Meinung des streitbaren Kirchenfürsten in ihren Zugeständnissen schon zu weit gegangen sein könnte.

Diese Informationen werden mindestens indirekt durch die beunruhigende Nachricht bestätigt, daß Griechenland am Montag – nach einer Aussprache zwischen dem Außenminister und Makarios – beschlossen hat, in der Zypernfrage wieder an die Vereinten Nationen zu appellieren. Wenn dieser Entschluß nicht nur Taktik und Optik ist, so läuft er auf eine glatte Absage an Macmillan hinaus. Eine neue Diskussion des Problems in der UN wäre jedoch der denkbar schlechteste Auftakt für eine innere Befriedung, weil sie genau jene Atmosphäre der Unruhe, der gegenseitigen Vorvürfe und der halben Hoffnungen schaffen oder erhalten würde, in der niemand mehr auf eine „Abkühlung“ der Gemüter hoffen dürfte. Wenn aber Karamanlis den neuen Schritt vor das Weltforum in der Hoffnung tun sollte, die Extremisten bei sich zu Hause damit beruhigen zu können, so wäre er ein schlechter Psychologe: man kann eine Wunde nicht heilen, indem man in ihr herumstochert.