Die Freiheit und der Totalitarismus – Die Herausforderung des Herrn Ulbricht

Von Ludwig Erhard

Ich weiß nicht, wer den Begriff vom „Götzen Lebensstandard“ geprägt hat. Hatte er die Absicht, einer Überbewertung der materiellen Seite unseres Lebens Schranken zu setzen, so war dies löblich und gut. Hoffentlich sah er ein, daß eine Synthese zwischen Gut und Böse gefunden werden müsse. Denn im Rahmen einer freiheitlichen Lebensordnung bleibt es dabei, daß der Zweck alles Wirtschaftens nur der Verbrauch sein kann.

Kein Einsichtiger bestreitet ernsthaft, daß jedes Volk, das seine Zukunft nicht verspielen will, gehalten ist, das rechte Verhältnis zu finden zwischen dem, was der Vorsorge und zugleich dem Wohl der lebenden Generation dient. Freilich ist mit diesem „Sowohl – als auch“ die Problematik nicht erschöpft. Es bleibt das Verlangen, daß die Mühe der Lebenden sich nicht in der Vermögensanreicherung bestimmter Schichten niederschlagen möge.

Allerdings wird dies Dilemma nicht dadurch beseitigt, daß an die Stelle privater Eigentumsmehrung ein „öffentliches“ oder ein „Gemeineigentum“ tritt. Es kommt vielmehr darauf an, individuelles Eigentum immer breiter zu streuen. Ein Unternehmen, bei dem die Früchte nicht von einem Tage zum andern reifen können. Und doch wird niemand leugnen wollen, daß sich mit steigender Produktivität und wachsendem Volkseinkommen die Grundlagen der privaten Vermögensbildung wandeln und weiten.

Wir sparen immer mehr, und das ist ein hoffnungsvolles Zeichen dafür, daß sich das Gefühl für den materiellen und sittlichen Wert des privaten Kapitals verstärkt. Und so ist die Hoffnung berechtigt, daß es gelingen wird, der weitaus technisch bedingten Konzentration von Produktivkapital eine Dekonzentration des Eigentums an diesen Produktionsmitteln entgegenzusetzen.

Dazu paßt es allerdings sehr schlecht, daß immer wieder versucht wird, eine angeblich zu hohe Investitionsrate zu verunglimpfen. Denn so soll dem Volke glaubhaft gemacht werden, daß der breit geschichtete Konsum durch allzu hohe Investitionen gedrosselt werde. Ginge es einzig und allein um die Frage, ob die Beteiligung der einzelnen Schichten an einer wachsenden Vermögensbildung gerecht und sinnvoll geordnet sei, dann wäre unter Wohlmeinenden immer noch eine brauchbare Antwort zu finden, obwohl es kein Einkommen gibt, bei dem sich nicht die Überlegung stellen würde, wieviel davon verbraucht oder gespart werden soll. Aber es gibt nun einmal kein absolutes Maß und mithin auch keine allgemein gültige Entscheidung. Jeder ist seines Glückes Schmied. Es herrscht die individuelle Freiheit, und dies um so mehr, je weniger sich der Staat anmaßt, den einzelnen Staatsbürger gängeln oder sich gar zu seinem Schutzherrn aufspielen zu wollen. Solche „Wohltat“ muß das Volk immer teuer bezahlen, weil kein Staat seinen Bürgern mehr geben kann, als er ihnen vorher abgenommen hat – und das noch abzüglich der Kosten einer zwangsläufig immer mehr zum Selbstzweck ausartenden Sozialbürokratie.