Hundert Jahre Marien-Wallfahrt nach dem süd französischen Städtchen Lourdes

Von Heinz Stuckmann

Just, bevor unser Pilgerzug in Lourdes eintrifft, erklärt ein Mitreisender: „Wenn die letzte Kurve kommt, können wir auf der anderen Seite des Flusses die Grotte sehen. Dann tönt aus dem Lautsprecher immer das Lourdes-Lied...“ Der Mann, der das sagt, hat während der langen Reise allen Mitpilgern bekanntgemacht, daß er nun schon zum 14. Male nach Lourdes fährt. Aber von einem anderen wissen wir, daß er bereits 25 Lourdes-Fahrten hinter sich hat. Er trägt – von allen bewundert – deshalb ein Silberkränzchen. Im deutschen Sonderzug nach Lourdes sind noch vier Reisende, die mehrmals in Lourdes waren. Sie waren ansonsten nie im Ausland. Lourdes war das große Erlebnis ihrer Ferientage. „Ich wohne wieder im Jesus, Maria und Josef’.“ – „Nein, ich bleibe bei ‚Golgatha‘... Da ist es bedeutend ruhiger.“ – Gleich muß die letzte Kurve kommen, die Basilika, die Grotte... „Achtung! Achtung!“ tönt es aus dem Lautsprecher. „Wir laufen in wenigen Minuten in Lourdes ein.“ Und es folgt das Große Lourdes-Lied: „Die Glocken verkünden mit fröhlichem Laut das Ave Maria so lieb und so traut...“

Der Gesang schwillt an: „Mit freundlichem Antlitz gar lieblich und mild, erscheint dort ein liebliches Jungfrauenbild ...“

„Die Dame“

Was die Leute singen, ist die Geschichte des Hirtenmädchens Marie-Bernarde Soubirous, genannt Bernadette, geboren am 7. Januar 1844 als erstes Kind des Müllers François Soubirous und seiner Ehefrau Louise.

Man schrieb den 11. Februar 1858. Über dem kleinen Dorf Lourdes am Hang der Pyrenäen lag winterliche Kälte. Besonders ungemütlich war es im Cachot, dem ehemaligen Gefängnis des Ortes, das der achtköpfigen Familie Soubirous als Unterkunft diente. Gegen Mittag schickte Mutter Soubirous ihre Töchter Marie-Antoinette und Bernadette an den Cave-Fluß, zum Brennholzsammeln. Unterwegs trafen sie noch ihre Freundin Jeanne Abadie, die sich den beiden anschloß. Sie überquerten die Brücke, gingen den Fluß entlang und kamen an die Grotte, die im Espelügen-Berg liegt, an der der Fluß immer alles mögliche anschwemnte.