Zum fünftenmal tagt nun eine Sondersitzung der UN. Die Vertreter von 81 Nationen haben sich in einem Moment versammelt, in dem die politische Atmosphäre wieder einmal auf Hochspannung geladen ist. Welche Chance, so könnte man meinen, durch eingehende Diskussionen, gemeinsames Nachdenken und abwägendes Verhandeln die Vorbedingungen für die Beseitigung dieses zermürbenden Zustandes zu schaffen! Aber die enttäuschten Völker haben wenig Hoffnung, daß diese Chance genutzt werden wird. Resigniert meinten viele noch ehe die Sitzung begann, sie werde ja doch wieder nur gegenseitiger Verleumdung und Propaganda gelten.

Was für eine Bankrotterklärung aller Politiker wäre dies! Welch Ausverkauf aller Ideale, wenn man sich zurückerinnert an die hehren Deklarationen und hochgestimmten Erwartungen, die die Gründung der Vereinten Nationen begleiteten. Damals ging man von der Voraussetzung einer einigen ungeteilten Welt aus. Ja, man konnte sich gar nicht vorstellen, daß die Welt, wenn Hitler erst einmal besiegt sein würde, nicht von selber und gewissermaßen gottgewollt zu einer Einheit zusammenwachsen würde. So spricht der Artikel 47 der Charta von einem Military Staff Committee, das die dem Sicherheitsrat unterstellten bewaffneten Kräfte aller Nationen führen solle, wobei natürlich auch der Chef des russischen Generalstabs eingeschlossen sein sollte.

Als Roosevelt im März 1945 vor dem Kongreß in Washington das Jalta-Abkommen erläuterte, in dem ja eine „allgemeine, internationale Organisation zur Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit“ beschlossen worden war, sagte er, die drei führenden Nationen hätten nun endlich eine gemeinsame Basis für den Frieden der Welt gelegt: „Dies bedeutet das Ende einseitiger Aktionen und parteiischer Allianzen, das Ende von Einflußsphären, auch der balance of power und all jener anderen Hilfsmittel, mit denen man jahrhundertelang herumhantiert hat und die doch alle versagten.“

Und sein Nachfolger, Präsident Truman, war nicht weniger optimistisch. Er sagte auf der letzten Sitzung der UN-Konferenz vor der Unterzeichnung der Charta im Juni 1945: „Reaktion und Tyrannei werden überall in der Welt versuchen, die Vereinten Nationen auseinanderzusprengen ... Sie werden versuchen, einen gegen den anderen aufzuwiegen, Haß und Verrat zu säen. Aber ich weiß, ich spreche in Ihrer aller Namen, wenn ich sage: die UN wird einig und ungeteilt bleiben.“

Heute, im August 1958, vermag man angesichts dieser Vorstellungen nur traurig den Kopf zu schütteln: Über soviel weltfremden Idealismus im Jahr 1945? Oder über die Bankrotterklärung aller Ideale von 1958? Die Antwort auf diese Frage wird die Sondersitzung geben. Dff