Beginnen wir damit, daß es etwas Zwielichtiges wenn Literaturkritiker über Literaturkritiker schreiben. Stellen wir dies vor allem fest, weil in Deutschland solche Zwielichtigkeit heute meist gar nicht mehr bemerkt wird, weil es bei uns als selbstverständlich gilt, daß nicht nur der Kritiker den Kritiker, sondern der eine Dichter den anderen kritisiert (was wesentlich schlimmer ist). Manchmal greift in solche freundschaftlichen Dienste’ der liebe Gott, dem die deutsche Literatur offenbar immer noch nicht ganz gleichgültig geworden ist, persönlich ein und schickt vom Himmel – nein, keinen Blitz, sondern nur einen ironischen Akzent: Das sieht dann so aus, daß in der einen der beiden größten deutschen Tageszeitungen am selben Wochenende der Lyriker Meier den Gedichtband des Kollegen Müller lobt, während Müller in der anderen Zeitung sich in wohlwollenden Worten über Meiers neue Verse äußert. Wen geniert’s? Auf die Buchkritik, so kann man oft hören, wird in Deutschland ja doch nicht gehört, weil die Kritiker meist unrecht hätten. Und schon sind wir bei der zweiten Misere des deutschen Literaturbetriebes von heute. Ich gestehe gern, daß es gerade diese zweite Misere ist, die mich veranlaßt hat, als Kritiker über Kritiker zu schreiben. Ich meine die Misere, daß in Deutschland offenbar viele kluge Menschen glauben, ein Kritiker sei dazu da, recht zu haben; habe er das nachweislich nicht, so sei er gescheitert.

Nun liegt mir nichts daran, den Leser damit zu verschrecken, daß ich stracks das Gegenteil behaupte. Aber wer die deutsche Literaturgeschichte kennt, der wird zugeben, daß falsche Kritik oft genauso nützlich war wie richtige. (Wer wollte heute behaupten, daß unser größter Kritiker Gotthold Ephraim Lessing mit seiner Untersuchung über den Laokoon wirklich ‚Recht‘ gehabt hätte? Wer aber wollte verneinen, daß sie am Anfang von Deutschlands größter literarischer Epoche steht?) Und deswegen scheint es angebracht, sich schützend vor zwei Kritiker zu stellen, die jetzt ihre Bücher veröffentlicht haben, und von diesen Büchern und Essays zu sagen, daß die Verfasser gewiß in vielem unrecht haben und dennoch gute Kritiker sind. Es handelt sich um

Hans Egon Holthusen: „Das Schöne und das Wahre. Neue Studien zur modernen Literatur.“ R. Piper Verlag, München. 305 S., 14,80 DM. und

Theodor W. Adorno: „Noten zur Literatur.“ Suhrkamp Verlag, Frankfurt, Band 47 der Bibliothek Suhrkamp. 193 S., 4,80 DM.

Vor allem Holthusen bedarf des Schutzes. Dieser allgemein geschätzte Kritiker und Essayist hat nämlich vor einiger Zeit das Gefährlichste getan, was ein Kritiker tun mag: Er hat ein Prosabuch geschrieben. Dieses Buch „Das Schiff“ ist – nun, sagen wir es offen – mißglückt. Die deutsche Kritik, sonst im allgemeinen lammfromm, ist mit seltener Leidenschaft über einen der Ihren hergefallen, und ich habe mir sagen lassen, daß etwas geschehen ist, was deutschen Kritikern nur noch selten geschieht: die Leser haben auf sie gehört. Holthusens Bücherabsatz, seit Jahren gefördert von einer treuen Gemeinde, stockt seitdem hier und da, und es steht zu befürchten, daß auch für dieses neue Buch der Kredit des Lesers nicht so hoch ist, wie Verlag und Autor vielleicht erhoffen.

Das ist ganz falsch. Hätten die Zeitgenossen Lessings den großen Mann nach seinem ersten Bühnenstück „Miß Sarah Sampson“ bemessen, so hätte es um seine kritische Glaubwürdigkeit übel gestanden. Sie taten es nicht, weil sie wußten: das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Dichtung und Kritik haben, wenn sie echt sind, zwar dieselbe Wurzel, nämlich Liebe und Leidenschaft zum geschriebenen Wort, aber sie gehen dann ganz eigene Wege.

Gehen wir also ohne Vorurteil an Hans Egon Holthusens Essay-Sammlung heran, in der sich manch schöner Versuch, manch treffendes Wort, manch richtige Einsicht findet. Der gut gewählte Titel des Buches entstammt gleich der ersten Arbeit, die sich „Das Schöne und das Wahre in der Poesie. Zur Theorie des Dichterischen bei Eliot und Benn“ betitelt.