Schleswig-Holstein erlebt in jüngster Zeit eine bemerkenswerte Industrialisierungswelle. In auffallendem Maße beginnen skandinavische Firmen in größerem Umfang Interesse an einer Ansiedlung in diesem Raum zu zeigen. Unmittelbar nach dem letzten Krieg war trotz der Grenz-Nachbarschaft mit Dänemark praktisch gar keine dänische oder schwedische Firma der Industrieproduktion in dem nördlichsten deutschen Bundesland vertreten. Heute haben sich bereits zehn dänische und eine schwedische Firma mit Produktionsstätten angesiedelt, oder ihre Ansiedlungspläne bis zum Kauf von Baugelände und zur Projektierung eines Baues vorangetrieben. Darüberhinaus liegen zahlreiche Anfragen aus diesen Ländern vor, die das Interesse erkennen lassen, das man neuerdings in Skandinavien an dem Raum Schleswig-Holstein als neuem Standort zeigt,

Einzelne Firmen hatten sich bereits in den Jahren vor Konkretisierung der EWG-Projekte in Schleswig-Holstein festgesetzt; So eine schwedische Firma der Bekleidungsindustrie, die das Lohngefälle gegenüber Schweden zur Produktion relativ billiger Damenkonfektion aus schwedischem Rohmaterial für den Re-Export nach Schweden ausnutzen wollte. Eine ölbrennerfirma aus Dänemark ging mit ihren Erfahrungen im Bau von ölgefeuerten Heizungen auf den für diesen Hausbrand damals noch kaum erschlossenen Markt. Auch von den heutigen Gründungen mag die eine oder andere nicht direkt auf das Fuß-Fassen im EWG-Raum hinzielen, sondern auf die Ausnutzung steuerlicher Vorteile oder anderer handelspolitischer Möglichkeiten, wie die Gründung einer Klippfisch-Produktions- und Exportfirma in Kiel, die die Ausfuhren nach Südamerika bei den gegenwärtigen guten Handelsbeziehungen der Bundesrepublik zu diesem Markt besser von hier aus als von Dänemark aus tätigen kann. Dach im wesentlichen – nicht immer klar ausgesprochen – dürfte der Wunsch stehen, von dem erhofften Wohlstand im „Größeren Markt“ der EWG-Länder mit profitieren zu können.

In den meisten Fällen ging der Gründung einer Produktionsfirma die Gründung einer Handelsgesellschaft voraus, die vermutlich den Markt abtasten sollte. Die Gründung selbst erfolgte wohl stets in der Form einer GmbH, die offenbar den Unternehmern aus dem Norden besonders günstig erscheint. Charakteristischerweise wurden bisher in allen Fällen nur relativ bescheidene Betriebe aufgebaut, deren Beschäftigtenzahl zusammen 400 bis 450 Menschen kaum übersteigen dürfte. Vermutlich haben diese Betriebe mehr die Aufgäbe, „da zu sein“, als daß ihnen schon jetzt wesentliche Produktionsaufgaben zufallen.

Die dänischen Firmen sind durch den Raum Schleswig-Holstein stark gestreut und bevorzugen teilweise ländliche Gemeinden mit günstiger Verkehrslage; daneben scheint sich die Grenzstadt Flensburg zu einem bevorzugten Standort zu entwickeln. Die schwedischen Anfragen konzentrieren sich vorwiegend auf den Raum Lübeck, wo die „Vogelfluglinie“ heute völlig neue verkehrsmäßige Standortrelationen zwischen Schweden und der Bundesrepublik zu schaffen beginnt. Für die westdeutsche und schleswig-holsteinische Wirtschaft sind die neuen Unternehmen der nördlichen Nachbarn noch kein entscheidender Wirtschaftsfaktor. Sie sind mehr eine Art Wechsel auf eine künftige Wirtschaftsentwicklung, deren Voraussetzungen die EWG zu schaffen verspricht, ein Indiz für die Richtigkeit gewisser Grundkonzeptionen dieses Projekts, soweit sie die Hoffnung auf Steigerung des Wohlstandes in den Partnerländern betreffen. St.