London, im August

Anderthalb Jahre nach dem Beginn der „Umrüstung“ der britischen Streitkräfte auf die nukleare Kriegsführung hat der ranghöchste englische Soldat, Feldmarschall Sir Gerald Templer, letzte Woche in aller Öffentlichkeit seine Bedenken an der Weisheit eben dieser Umrüstung angemeldet. Der Chef des Empire-Generalstabs bezweifelt, daß die britische Armee in der Lage ist, die ihr zugewiesene Doppelrolle auszufüllen: nämlich zugleich nuklearer Schutzschild und konventionelle „Polizeimacht“ zu sein.

Da die Unterhaltung eines starken Heeres und der Aufbau einer Atommacht wirtschaftlich über die Kräfte Großbritanniens gehen, ist der Entwicklung der .Kernwaffen auf Kosten der herkömmlichen Verbände der absolute Vorrang eingeräumt worden. „Wie aber“, fragt jetzt Feldmarschall Templer, „sollen wir uns mit einer kleinen Armee auf den Kernwaffenkrieg rüsten und gleichzeitig auch auf all die 1001 Dinge gerüstet sein, die wir an Orten wie Zypern, Hongkong und so zu tun haben?“

Aus der Umgebung des Feldmarschalls ist zu hören, seine skeptische Beurteilung der Umrüstung habe zu einem ernsten Zusammenstoß zwischen Großbritanniens oberstem Soldaten und dem zähen, rücksichtslosen und höchst unbeliebten Verteidigungsminister Duncan Sandys geführt. Sandys’ politische Reputation steht in der Tat auf dem Spiel, wenn er nicht sein Versprechen wahrmacht, bis 1960 die Wehrpflicht abzuschaffen.

Um dieses Ziel erreichen zu können und um die Kosten für die atomare Aufrüstung an anderer Stelle einzusparen, will er Englands Wehrmacht bis 1960 in ein Freiwilligenheer von 165 000 Mann umwandeln. Zwei Fragen bleiben dabei offen. Erstens: Werden sich die zur Verwirklichung dieses Planes nötigen Freiwilligen auch tatsächlich melden? (Im Augenblick bereitet die Freiwilligenrekrutierung keine Schwierigkeiten, doch gibt es keine Garantie, daß dies so bleiben wird.) Zweitens aber: Wird die kleine Armee von 1960 noch ausreichen, um Englands überseeischen Verpflichtungen nachkommen zu können?

Verteidigungsminister Sandys glaubt, daß eine weitere Verminderung der britischen Rhein-Armee „zu gegebener Zeit auch den Verbündeten Englands akzeptabel erscheinen wird, obwohl es die feste Absicht der Regierung ist, eine beträchtliche Streitmacht – soweit das heute abzusehen ist – für dauernd auf dem europäischen Kontinent zu unterhalten“. Zum anderen nimmt Sandys an, daß in den nächsten Jahren die ansehnlichen Truppenverbände, die jetzt als Sicherheitsstreitkräfte in Zypern gebunden sind, reduziert werden können. Außerdem soll das neue Freiwilligenheer mit viel geringeren Verwaltungseinheiten auskommen. Die Ausbildungskader sollen beispielsweise von 65 000 auf 18 000 Man verringert werden, so daß der Anteil der eigentlich kämpfenden Truppe am Gesamtheer proportional steigen wird.

Dennoch wollen die Zweifler nicht verstimmen, die es – selbst wenn Sandys seine 165 000 Mann zusammenbekommt – für unmöglich halten, daß ein so kleines Heer die mannigfachen militärischen Verpflichtungen Englands erfüllen könne. Der gewichtigste Kritiker Sandys’ ist dabei Macmillans früherer Kriegsminister Anthony Head, der darauf hinweist, daß bei einem 165 000-Mann-Heer nach Berücksichtigung eines NATO-Kontingents von 45 000 Mann und der für die Heimatverteidigung erforderlichen Streitkräfte für alle anderen Aufgaben und für die strategische Reserve nur 25 000 Mann übrig blieben.