Nur mit Gruseln und mit Grausen geht der Wandrer durch den Wald, wo die bösen Räuber hausen, wo des Teufels Büchse knallt. Jedes Leben ist bedroht, mancher liegt schon mausetot...

Von ihrer liebenswerten Gewohnheit, die Gäste auszuplündern, sind die Wirte beiderseits der bayerischen Staats- und hessischen Landesgrenze seit Hauffs Zeiten mehr und mehr abgegangen; ja, sie fordern in den einsamen Wäldern am rechten Mainufer noch nicht einmal die Bezahlung, die der Reisende schuldig zu sein glaubt, wenn er in eine so schöne Gegend kommt. Für den Preis, den er für ein Schnitzel anzulegen bereit wäre, schenkt man ihm im Spessart noch eines dazu. Im ganzen – – Lande fehlt es an Räubern.

Das Wasserschloß Mespelbrunn ist in Wirklichkeit nicht weniger verwunschen, als es Millionen Kinobesuchern erschien, die Liselotte Pulver vor dieser romantischen Kulisse durch die Morgendämmerung reiten sahen. Zwar finden sich auf den Landstraßen zweiter Ordnung mehr Fallgruben, als die beiden Film-Galgenvögel Knoll und Funzel jemals ausheben konnten, aber auch zwei gute Bundesstraßen führen quer durch das Waldgebirge und – fast möchte man sagen: leider – auch die Trasse der neuen Autobahn Frankfurt–Würzburg, deren erster Abschnitt von der bayerischen Grenze bis Hösbach jetzt eröffnet wurde. Gepriesen sei, wer noch Lust und Zeit hat, auf eigenen Füßen zu wandern, wie der „Spessartbund“, der gerade seine Jahrestagung in Dudenhofen abhielt. Immerhin: ein Frankfurter Reisebüro vermittelte ausländischen Touristen geduldige Pferde, auf denen sie in diesen Tagen durch den Spessart nach Rothenburg ob der Tauber reiten.

Man sieht also: der Spessart hat es noch nicht nötig, überzählige Fremdenkarawanen abzuschütteln, die Einsamkeit durch Polizeiverordnungen mühevoll zu schützen und die enttäuscht Davonziehenden auf Vor- oder Nachsaison zu vertrösten. Hier ist noch Stille, hier gibt es noch angenehme Überraschungen für den Fremden:

Die wichtigste Straße durchs Gebirge führt wie zur Postkutschenzeit von West nach Ost; sie verbindet Frankfurt mit Würzburg und Nürnberg, die Industriegebiete Rhein-Ruhr und Rhein-Main mit Nordbayern und der Autobahn (Berlin–)Nürnberg–München. Daß diese Verbindung, die Bundesstraße 8, durch eine Autobahn ersetzt werden muß, steht längst fest. Das Fehlen dieser wichtigen Linie im Autobahnnetz hat den Verkehrsengpaß in der Rheinebene verstärkt. Die ständige Überlastung der einzigen großen Nord-Süd-Verbindung der Bundesrepublik in dem Abschnitt Frankfurt–Heidelberg läßt sich nur durch den möglichst zügigen Ausbau der Autobahn Frankfurt–Nürnberg und des Anschlußstückes Würzburg–Kassel beseitigen. Dann wird künftig der gesamte Verkehr aus dem Norden und ein großer Teil des Verkehrs aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet über Nürnberg nach Bayern fließen und nicht mehr zu dem Umweg über Heidelberg gezwungen sein. Die Heidelberger Autobahn bleibt künftig denen vorbehalten, die nach Baden-Württemberg und darüber hinaus in die Schweiz wollen.

Dem Autobahnbau entlang der Bundesstraße die von Aschaffenburg bis Marktheidenfeld rund vierzig Kilometer durch den großen Eichen- und Buchenwald führt, soll jenes Haus zum Opfer fallen, das seit Wilhelm Hauff fast ebenso berühmt ist wie das Gebirge selbst: das „Wirtshaus im Spessart“. Daß der Abbruch eine verkehrstechnische Notwendigkeit ist, haben wir angesichts der Weiträumigkeit des dünn besiedelten Gemeindegebiets vonWeibersbrunn immer bestritten (ZEIT Nr. 41/57: „Spitzhacke gegen Hauff“). Es sind bisher kaum irgendwo historische Gebäude dem Autobahnbau geopfert worden. Und ausgerechnet dort, wo weit und breit kein Haus steht, sollte es nicht möglich sein, die Fahrbahn hundert Meter nördlich oder südlich zu verlegen? Zumal heute die Autobahnen nicht mehr schnurgerade verlaufen sollen, sondern – um Übermüdung zu vermeiden – in sanften Kurven. Wer jedenfalls in den nächsten Monaten noch die Bundesstraße 8 befährt – und das ist jedem zu empfehlen, der in der Hauptreisezeit die überfüllte Heidelberger Autobahn vermeiden will –, der wird „das Wirtshaus“ noch am alten Platz finden.

Eine Variante zur Bundesstraße 8 bietet die Bundesstraße 26 von Mainz über Darmstadt und Aschaffenburg nach Lohr–Schweinfurt–Nürnberg. Sie folgt dem Aschaff- und Laufachtal bis zum Dorf Hain und taucht dann für 25 Kilometer im Walde unter.