Das ist des Deutschen Vaterland“ lautete der polemisch gemeinte Titel eines Deutschlandbuches, das zu den Bestsellern des vergangenen Jahres gehörte. In München protestierten vor einigen Wochen die Studenten gegen den „süßen Tod fürs Vaterland“, wie er einst im Lateinunterricht propagiert wurde. Und in Wilhelmshaven machte sich eine Studentenzeitung bei den zuständigen Stellen (unter anderem) dadurch unbeliebt, daß sie das „Vaterland“ überprüfungsbedürftig fand.

Man kann entweder den Kopf in schwarz-weißrote Kranzschleifen stecken – oder eben sehen, daß der Begriff Vaterland wieder einmal „fragwürdig“ geworden ist – was ja auch heißt, würdig, daß man danach fragt. Selbst ein Mann wie Ernst Moritz Arndt, dem man „vaterlandslose Gesinnung“ schwerlich nachsagen wird, beginnt seine Hymne mit einer Frage: „Was ist des Deutschen Vaterland?“ Die Geschichte der Mainlinie lehrt, daß auch seine Frage nicht etwa rein rhetorisch zu verstehen ist, daß keineswegs jeder Süddeutsche damals bereit war, Norddeutschland seinem „Vaterland“ zuzuzählen – und umgekehrt.

Wir, die wir unsere Väter, unsere Schulkameraden, unsere Söhne im Kampf „fürs Vaterland“ verloren haben, neigen wohl dazu, gegen eine Fragestellung wie „was heißt Vaterland?“ überempfindlich zu sein, wohl gar, einen nihilistischen Anarchismus der Werte dahinter zu vermuten.

Dabei handelt es sich zunächst um eine richtige, eine wichtige, eine durchaus diskutierbare Frage, schon im rein Geographischen. Gehört Leipzig heute dazu? Und Breslau? Können wir andererseits Europa einbeziehen? Ist die Idee des Vaterlandes mit der historischen Erscheinung des Nationalstaates unlösbar verknüpft? Fragen über Fragen.

Warum sollten Studenten solche Fragen nicht stellen dürfen? Kein anderer ziviler „Berufsstand“ ist in gleicher Weise beansprucht worden, als es 1914 und 1939 galt, dem Vaterland „jedes Opfer“ zu bringen.

Wo dann freilich das berechtigte Ringen um Sauberkeit des Denkens aufhört und die Taktlosigkeit anfängt – das ist eine andere Frage. Leo