Recession nicht mehr „Feind Nr. 1“

R. E., New York‚ Mitte August

Seit einigen Wochen erscheinen in der amerikanischen Finanzpresse die Gewinn- und Verlustrechnungen der Aktiengesellschaften für das zweite Vierteljahr 1958. Mit einigen wenigen Ausnahmen sind die Gewinne gegenüber dem Vorjahr (und meist auch gegenüber dem ersten Quartal) beträchtlich gesunken. Wie hart die Recession einzelne Wirtschaftszweige getroffen hat, läßt sich daraus ersehen, daß ein so solide fundierter Riesenkonzern wie Ford im zweiten Vierteljahr 1958 einen Verlust aufwies. Die Aussichten für die unmittelbare Zukunft sind für die meisten Betriebe alles andere als rosig. Zwar ist es richtig, daß der Konjunkturrückschlag für die Wirtschaft als Ganzes seinen unteren Wendepunkt überschritten hat, daß also der Absatz in vielen Industriezweigen zunehmen wird. Auf der anderen Seite sind aber auch die Kosten in einem mehr oder weniger ununterbrochenen Anstieg begriffen, und es kann nach den jüngsten Äußerungen Mr. Reuthers, des Führers der Automobilarbeiter, kein Zweifel darüber bestehen, daß die organisierte Arbeiterschaft bei steigender Beschäftigung die günstigere Verhandlungsposition ausnutzen wird, um Lohnforderungen durchzusetzen. Angesichts dieser noch zu erwartenden Kostensteigerungen sind daher die Gewinnaussichten für die Zukunft trotz besserer Absatzlage nicht besonders günstig.

All dies scheint jedoch den Aktienmarkt wenig zu kümmern. Seit Anfang April sind die Aktienkurse an der New Yorker Börse um nahezu 20 v. H gestiegen; sie haben damit mehr als die Hälfte des Verlustes, den sie gegenüber dem Höhepunkt des Sommers 1957 erlitten hatten, wieder aufgeholt Das verträgt sich schwerlich mit der von den meisten Finanzfachleuten vertretenen These, wonach die Kurse von den gegenwärtigen und erwarteten Gewinnmöglichkeiten bestimmt werden .. Es mag sein, daß der Markt in einem Anfall von Überoptimismus die künftigen Gewinnaussichten so günstig beurteilt, daß er die gegenwärtigen übersetzten Kurse für gerechtfertigt hält. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, daß der Aktienmarkt von einem Spekulationsfieber befallen worden ist. Es liegt in der Natur der Spekulation, daß sie mit rationalen Argumenten nur schwer zu erklären ist. Die einzig mögliche Erklärung für diese „Flucht in (überteuerte) Aktienwerte“ liegt vielleicht darin, daß die Finanzwelt darin eine Sicherung gegen die drohende Inflation sieht. Sei dem wie ihm wolle – das Federal Reserve Board hat jedenfalls mit der Herabsetzung der Beleihungsgrenze von 100 auf 43 v H (was gleichbedeutend ist mit einer Erhöhung der „Margin Requirements“ von 50 auf 70 v. H.) bekundet, daß es das Seinige zur Bekämpfung spekulativer Ausschreitungen tun will.

Im Gegensatz zu dieser erstaunlichen Haussebewegung entwickeln sich die Dinge auf dem Rentenmarkt Dort haben jene Investoren, die, dem Rat der „Professionals“ folgend, auf ein Andauern der Hausse spekulierten, eine ganz gehörige Dusche erhalten So kamen die vom Schatzamt vor kaum zwei Monaten ausgegebenen 2 5/8prozentigen Obli gationen auf einen Kurs von knapp 95,1, was einem Kapitalverlust von nahezu 5 v H in zwei Monaten entspricht – ein Rückgang, der für den Rentenmarkt höchst ungewöhnlich ist. Da viele Investoren ihre Obligationen nur zu 5 v. H bar angezahlt haben, mag es bei ihnen lange Gesichter gegeben haben Makler und andere Financiers hielten den Kauf dieser Abligationen vor zwei Monaten für eine „sichere Sache“ Statt dessen stehen sie heute vor einem Verlust, der – zumindest auf dem Papier – rund 300 Mill $ betragen dürfte

Wie läßt sich dieses Versagen des Rentenmarktes erklären? Der Schlüssel für die Antwort liegt beim Federal Reserve Board Es kann Zinssätze und Kurse regulieren Ist die Wirtschaftstätigkeit flau, so wird es durch Ankäufe von Staatspapieren das Bankensystem verflüssigen, die Kurse nach oben treiben und die Rendite – und damit die Zinssätze – drücken. Das hat es in den vergangenen Monaten in größtem Umfang getan, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Kurse der Staatspapiere Die Haussespekulanten glaubten nun, daß diese Politik noch auf absehbare Zeit hinaus weitergeführt werde, da die Erholung aus dem Wellental der Konjunktur nur langsam vor sich geht. Das Federal Reserve Board hielt jedoch den Zeitpunkt für gekommen, von der aktiven Billiggeldpolitik abzugehen. Das Resultat war der Zusammenbruch des Rentenmarkts, begleitet von einem leichten Ansteigen auch der Sätze für kurzfristige Schatzwechsel. Dieser Stop in der open-marketpolicy ist – neben der Diskonterhöhung um 1/4 auf 2 v. H., die von der Federal Reserve Bank von San Franzisko (als anti-spekulatorisches und anti-inflatorisches „Warnsignal“) soeben vorgenommen wurde – das bedeutsamste Faktum der jüngsten Zeit auf dem amerikanischen Kapitalmarkt.