Von einem Nachlassen der nun schon mehrere Monate dauernden Hausse auf dem Aktienmarkt ist noch nichts zu spüren. Im Gegenteil, in den letzten Tagen hat sich die Aufwärtsbewegung noch verstärkt, wenngleich manche Leute in ihren Dispositionen vorsichtiger geworden sind. Selbst die eifrigsten Haussiers haben sieht mit einer solchen Tendenz gerechnet, wohl mit freundlichen Kursen und mit gewissen Korrekturen nach oben in Verbindung mit dem neuen Körperschaftsteuergesetz und dem in Aussicht stehenden Gesetz über die Umwandlung von Rücklagen in Aktien. Aber von "Korrekturen" kann jetzt nicht mehr die Rede sein, denn es vollzieht sich eine (fast) allgemeine Aufwärtsbewegung, bei der – wie üblich – ein Papier das andere nachzieht. Dabei werden zur Rechtfertigung der Kurse unterschiedliche, zum Teil sogar widersprechende Erklärungen gegeben.

Nun kann man sich auf die Dauer natürlich nicht selbst täuschen und jetzt scheint der Zeitpunkt gekommen zu sein, wo die Haussiers die Aufwärtsbewegung nur noch mit innerem Widerstreben vorantreiben. Man sehnt sich nach einer Konsolidierungspause um in Ruhe Bilanz machen zu können.

Aber vorläufig ist es mit einer Beruhigung an den Börsen noch schlecht bestellt. Die Nachfrage steigt, weil das flüssige Geld zur Anlage drängt. Bei den Renten kann es aus Materialmangel nur unzureichend untergebracht werden. Auch hier steigen die Kurse unentwegt. Aber das Angebot wird dadurch keinesfalls größer. "Einmal muß doch der Umschwung kommen!", so hört man oftmals in den Börsensälen. Meist sagen es Leute, die nicht rechtzeitig "eingestiegen" sind oder die zu früh Kursgewinne mitgenommen haben.

Natürlich gibt es in den Börsen neben den Hausse-Bewegungen auch schwache Zeiten. Das haben wir nach der Währungsreform mehr als einmal erfahren. Die letzte Aktien-Baisse wurde ausgelöst, als die Bank deutscher Länder das Geld knapp und teuer machte. Mit einer solchen Maßnahme können wir in absehbarer Zeit kaum rechnen. Bislang ging der Weg der Bundesbank gerade entgegengesetzt. Sie hat sich nämlich zum Ziel gesetzt, das peinliche Gefälle zwischen den deutschen und ausländischen Zinssätzen zu verringern. Nicht zuletzt deshalb, damit deutsche

Anleger veranlaßt werden, einen Teil ihrer Mittel im Ausland anzulegen. Auf diese Weise würden unsere Devisenpolster weniger sichtbar gemacht werden. Tatsächlich bedienen sich die Banken bereits zum Teil der ausländischen Geldmärkte, aber dabei handelt es sich stets nur um kurz- oder bestenfalls um mittelfristige Mittel. Zu erinnern ist dabei an den Kredit an Belgien, der offensichtlich zur Vorfinanzierung der Weltausstellung gedient hat. Aber solche Projekte sind nun einmal nicht sehr zahlreich und begreiflicherweise scheuen sich die Kreditinstitute, langfristige Engagements im Ausland einzugehen.

Wenn die Bundesbank ihre bisherige Zinspolitik nicht über den Haufen werfen will, wird sie auch fernerhin auf Zinssenkungen drängen müssen und dabei möglicherweise den Diskont weiter senken. Das mag im Augenblick noch nicht aktuell sein, aber auf längere Sicht gesehen wird in den Börsen ein solcher Schritt für möglich gehalten. Wird unser Zins eines Tages mit dem des Auslandes konkurrenzfähig, dann könnte es geschehen, daß an den deutschen Wertpapiermärkten der jetzt vorhandene Überdruck langsam gemäßigt wird.

Um das in den hohen Kursen eventuell liegende Risiko zu vermeiden (bzw. um es zu mildern), werden neuerdings zwei Wege begangen. Einer führt zum Kauf von Investment-Zertifikaten. Damit ist das Risiko einer schwachen Allgemeintendenz zwar nicht ausgeschaltet, aber man ist gegen überraschende Kursstürze einzelner Werte einigermaßen gesichert. Der andere Ausweg heißt: Montanmarkt. Zwar haben sich die Montanaktien der freundlichen Tendenz nicht ganz entzogen, dennoch lassen sich hier Renditen von 5,5 bis 6,3 v.H. erzielen. Das sind Sätze, die mit denen der festverzinslichen Werte durchaus konkurrieren können. Gelingt es, die Kojunktur in Eisen und Stahl wieder in Gang zu bringen, dann bestehen hier zweifellos große Gewinnchancen. Aber wann wird das sein? Kurt Wendt