Von Walter Jens

Um es vorwegzunehmen: das Buch hat eine Auflage von 600 Exemplaren. Außerdem wendet es sich, wie man so zu sagen pflegt, in erster Linie an den Fachmann. Dennoch liegt hier, allen grundgescheiten Anmerkungen zum Trotz, ein Werk von hohem literarischen Rang vor – eine wohlkomponierte, präzise geschriebene Biographie: Darstellung und Untersuchung, Analyse und Interpretation ergänzen einander in jener Harmonie, die nur dem Könner gelingt.

Karl Friedrich Stroheker: „Dionysios I., Gestalt und Geschichte des Tyrannen von Syrakus“; Franz Steiner Verlag, Wiesbaden; 262 S., 29,40 D-Mark.

In der Tat, es ist unbillig, mediokren Romanen in spaltenlangen Besprechungen nur deshalb ausführlich ihre Mediokrität zu bescheinigen, weil es sich eben um Romane handelt, während wissenschaftliche Darstellungen unbeachtet bleiben, obwohl auch sie zur Literatur gehören. Zum Glück ist „Literatur“ ja nicht mit „Belletristik“ identisch: Jaegers „Paideia“, Kantorowicz’ „Friedrich II“, Spenglers „Untergang des Abendlandes“ und Gundolfs „Goethe“ sind zunächst einmal literarische Leistungen – ganz zu Recht erhielt der Historiker Theodor Mommsen für seine genial komponierten Untersuchungen über römische Geschichte und römisches Recht den Nobelpreis für Literatur.

Krone aller Forschung wird immer die zusammenfassende Darstellung sein, Summe und Fazit langen Bemühens, Überschau und Biographie, Deutung und Gesamtanalyse. Gerade den Altertumswissenschaftlern, den nüchternsten unter den Historikern, sind in den letzten Jahren eine Reihe jener verbindlichen Überblicke gelungen, in denen sich die Studierstubenarbeit der detaillierten Untersuchungen zu einem literarischen Ganzen erhebt und die Historiographie, wie in der Antike, als Kunstwerk erscheint.

Matthias Geizers „Pompejus“ und Joseph Vogts „Constantin der Große“ seien, wegen ihres beispielhaften Ranges, für viele genannt. Ihnen reiht sich mit Strohekers Arbeit die Untersuchung eines profilierten Historikers an: Stroheker ist Herausgeber der Zeitschrift „Historia“, Fachmann vor allem auf dem wenig umpflügten Feld der Spätantike; sein Forschungsbereich erstreckt sich von den Anfängen der griechischen Geschichte bis zum Nibelungenlied.

Wir stehen nicht an, die Dionysios-Untersuchung als eine klassische Biographie zu bezeichnen – schon deshalb, weil hier zerstreutes, zum Teil noch nicht erschlossenes Material im Zusammenhang vorgeführt wird, so daß sich eine Fülle neuer Gesichtspunkte ergibt. In einer Zeit, da die Geisteswissenschaften nur noch die „Akzente verändern“ und die Interpretations-Interpretationen uminterpretieren, atmet man auf, wenn noch jemand die Rankesche Leidenschaft hat, dem „wirklich Gewesenen“ auf die Spur zu kommen und mit dem Scheinwerferkegel der Forschung einen Fetzen bisheriger Dunkelheit zu beleuchten!