„Richtige“ Bemessung von Lohnerhöhungen muß sich an anderen Leitzahlen orientieren

Von Erwin Topf

Bei der Neubesetzung der leitenden Posten im Arbeitsministerium (oder „Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung“, wie es jetzt heißt) hat Dr. Adenauer offenbar eine glückliche Hand gehabt: es scheint so, als ob Minister und Staatssekretär, Blank und Claussen, sich aufs beste ergänzten und zusammen ein höchst brauchbares Gespann abgäben .. Jedenfalls zeugt alles, was man über die neuen gesetzgeberischen Vorhaben des Hauses hört, von solider, bedachtsamer Arbeit: in einem wohltuenden Gegensatz zu der komödienhaften Pathetik, mit der seinerzeit die menschheitsbeglückende Idee der dynamischen, produktivitätsgebundenen („wachsenden“) Rente von dort aus propagiert und überhastet in Gesetzesform gebracht wurde. Sehr verdienstvoll ist, daß man im Ministerium nun auch einmal gründlich über die allerseits in der öffentlichen Diskussion bis zum Überdruß wiederholte Sentenz nachgedacht hat, wonach Lohnsteigerungen dann „unbedenklich“ sein sollen, wenn sie sich „im Rahmen des allgemeinen Produktivitätszuwachses halten“.

Das Ergebnis dieses Nach-Denkens einer ebenso richtigen wie nichtssagenden Formulierung ist – auch das verdient Beifall! – vom Ministerium sogar veröffentlicht worden: siehe „Bulletin“ Nr. 142 vom 7 August, unter dem Titel „Die Lohnsituation“ In dieser kleinen Studie hat man eine Fülle von mehr oder minder wissenschaftlich fundiertem Material verarbeitet (– leider ohne Zitate), wie es im Laufe der letzten Jahre in Vorträgen, Zeitschriftenartikeln und Monographien der Öffentlichkeit präsentiert worden ist. Es handelt sich also im wesentlichen um ein kompilatorisches Vorhaben, das auf originelle Einfälle eigener Herkunft verzichtet, dafür aber mit kluger Kritik auswählt. Was da in die Scheuern eingebracht wird, ist sozusagen „zweiter Schnitt“ von den Wiesen der Diskussion: eine saubergeladene Grummet-Fuhre Mit Vergnügen bemerkt man, daß es dem Autor auch an Ironie nicht gefehlt hat, wie der Passus zeigt, wo er die bewußte (von uns eben zitierte) Sentenz als „so etwas wie eine herrschende Lehre“ bezeichnet, die sich „in den letzten Jahren herausgebildet“ habe – treffender, als es mit diesem aus der Jurisprudenz hergeholten terminus technicus geschieht, ist jener wirtschaftspolitische Nonvaleur ja wohl kaum zu charakterisieren!

Zur Sache selbst wird in der kleinen Studie ausgeführt, daß in der Praxis die Orientierung der Löhne am Produktivitätszuwachs höchst problematisch sei. schon deshalb, weil dieser „Zuwachs“ sich nur nachträglich ermitteln läßt, und selbst dann nicht mit der für den gedachten Zweck wünschenswerten Präzision. Produktivitätszuwachs: das sagt sich so leicht hin – wer aber, der dieses wohltönende Wort im Munde führt, weiß wirklich, was damit „eigentlich“ gemeint ist?! Es handelt sich da ja nicht um eine einigermaßen präzise ermittelbare absolute Größe, wie etwa bei der (jährlichen) Zuwachsrate des Sozialprodukts, oder des Volkseinkommens, sondern vielmehr um eine Relation – genauer gesagt: um eine ganze Reihe von Relationen, unter denen man die Auswahl zu treffen hat, um die für den jeweiligen Zweck „richtige“ Größe zu finden.

Das kann, wenn es um die Frage der Lohnhöhe geht, die Rate für den Zuwachs an Arbeitsprodukt tivität sein ... aber auch hier gibt es verschiedene Bezugsgrößen: Zahl der Arbeiter, Zahl der Arbeitsstunden, Zahl der unselbständig Beschäftigten, also einschließlich der Angestellten – aber auch einschließlich der Beamten? Hier liegt schon wieder eine ganz böse Crux: alle Globalzahlen (für den „gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwachs“) sind nämlich deshalb dubios, weil sich der „Wert“ von Dienstleistungen nur aus dem Kostenaufwand ermitteln läßt. Je mehr wir also an Personalkosten (Gehältern plus Pensionen oder Altersrenten) für Beamte, Lehrer, Behördenangestellte, Wehrmachtsangehörige, Polizisten und so weiter zu zahlen haben, um so größer erscheint der Zuwachs an „Produktivität“ in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung! Und damit noch nicht genug: Das gleiche Prinzip gilt ja für sämtliche Dienstleistungen, also für den Bereich, der – neben der quantitativ (nach Ausschaltung von Preisänderungen) einigermaßen „erfaßbaren“ Gütererzeugung – von Jahr zu Jahr zunehmende Bedeutung im Rahmen der Gesamtwirtschaft gewinnt. Das wird, in der Studie des Arbeitsministeriums, recht delikat mit dem Satz umschrieben:

„Unter Umständen kann auch gerade das zu Messende selbst (die Lohnerhöhung) Einfluß auf den Maßstab (Produktivitätsfortschritt) haben...“