C. M., Nairobi‚ im August

Vor zwei Jahren ist in der britischen Kolonie Kenia der Mau-Mau-Aufstand niedergeschlagen worden, doch wurde damit der afrikanische Nationalismus in Kenia noch keineswegs beseitigt. Soeben wurde eine neue Geheimsekte aufgedeckt: die KKM, die aufs neue Frieden und Ordnung in Kenia zu gefährden droht. Über 400 führende Mitglieder dieser Organisation, die in den letzten Wochen verhaftet wurden, werden jetzt vor Gericht gestellt.

Die Initialen KKM bedeuten Kiama Kia Muingi – „Rat des Volkes“. All jenen Kikujus zu helfen, die unter den Vergeltungsmaßnahmen der Regierung zu leiden hatten, ihnen Anwälte zu besorgen und sie finanziell zu unterstützen, hatte sich die KKM ursprünglich zur Aufgabe gemacht. Aber nach und nach setzte sich wieder das Erbe der Kikuju-Geheimbünde durch, und auch die Mau-Mau-Methoden kommen allmählich wieder in Schwung. Es gibt erneut wilde Einweihungszeremonien mit magischen Eidesschwüren, neue Gewaltakte wurden vorbereitet, aber noch nicht verübt. Giftmord- und Lynchaktionen gegen „kollaborierende“ Kikujus standen auf dem Programm des Geheimbundes, wie aus den von den Engländern erbeuteten Dokumenten hervorgeht.

In diesen Dokumenten stießen die Engländer immer wieder auf den Namen eines Mannes, den sie seit 1953 in einer entlegenen, unzugänglichen Ecke im Norden Kenias, im Gefängnis von Lokitaang, unter schärfster Bewachung halten: auf den Namen Jomo Kenyatta. Vor fünf Jahren hatsie ihn, den Vorsitzenden der Kenya African Union und Führer der Mau-Mau-Geheimsekte, zu sieben Jahren Haft verurteilt. Viele Beobachter sagten damals vorauf, seine Einkerkerung werde Kenyattas politische Laufbahn nicht beenden; er werde als Märtyrer aus dem Gefängnis weiter den revolutionären Geist seines Stammes, inspirieren, wie er es zuvor als Politiker am Lagerfeuer und in den Versammlungen getan hatte. Diese Voraussagen scheinen sich zu erfüllen.

Jomo Kenyatta, heute Ende der Fünfzig, ist nicht vergessen. Trotz des Elends, das die Mau-Mau über den Stamm brachte, sprechen viele der 1,2 Millionen Kikujus seinen Namen noch immer mit Ehrfurcht und Verehrung aus. Nur die christliche Minderheit und der größte Teil der jungen Intelligenz steht ihm unversöhnlich gegenüber – manche, weil sie es für unklug halten, mit ihm identifiziert zu werden, andere, weil sie die Auffassung vertreten, er habe den afrikanischen Nationalismus in die falschen Kanäle gelenkt. Aber auch jene Politiker, die Kenyatta kritisch beurteilen, lassen ihre Kritik nicht freien Lauf: Sie wissen, daß sie dadurch ihre Anhänger verärgern würden, die den Gefangenen von Lokitaung bewundern.

Kenyatta war nicht immer ein Terrorist. Der einstige Missionsschüler Kamau Johnstone ging – 1929 als junger Mensch nach London. Schon zwei Jahre darauf gründete er dort die Kenya African Union, die erste politische Organisation der Eingeborenen Ostafrikas. In London studierte er zusammen mit vielen Asiaten und Afrikanern bei Laski an der London School of Economics; einer seiner Kommilitonen war damals der heutige Ministerpräsident Ghanas, Dr. Kwame Nkrumah. Reisen in Europa, ein halbes Jahr Schulungsaufenthalt in Moskau, 1938 das Buch Facing Mount Kenya, in dem er für die Zusammenarbeit zwischen Weißen und der Afrikaner eintrat – das waren die Marksteine seiner Laufbahn in Europa.

Als er 1946, nach siebzehn Jahren, nach Kenia zurückkehrte (seine Frau, eine Engländerin, ließ er mit seinem Sohn in London zurück), war seine Organisation schon eine politische Macht geworden. Er förderte die Gründung regierungsunabhängiger Schulen, errichtete ein Lehrerseminar und leitete die Bildung unabhängiger afrikanischer Kirchen in die Wege. „Höhere Löhne, sozialer Wohnungsbau, mehr Land, Altersversicherungen“ waren die Ideen, die er in die afrikanische Praxis umzusetzen gedachte.