Wer eigentlich macht die Geschichte? Machen Männer Geschichte? Oder der Weltgeist? Oder der Zufall? Man ist versucht, so zu fragen, wenn man rekapituliert, wie die Sondersitzung der UNO, die zur Zeit in New York tagt, zustandekam. Man muß sich diese Vorgänge ins Gedächtnis zurückrufen, um zu ermessen, wie seltsam diese ganze Veranstaltung ist.

Also: Am 19. Juli fordert Chruschtschow eine sofortige Gipfelkonferenz. Die USA nehmen ächzend und stöhnend an, weil sie glauben, nicht ablehnen zu können. Großes Hin und Her über Ort und Datum. Am 22. Juli neuer Vorschlag der Engländer: Gipfelkonferenz im Rahmen des Sicherheitsrates. Die Sowjetunion nimmt an mit allerlei verwirrenden Ergänzungen; Washington ist leicht verstimmt. Langes Hin und Her über Ort und Auswahl der Teilnehmer. Am 5. August eine Note Chruschtschows: Nicht Gipfeltreffen im Sicherheitsrat, sondern Vollversammlung. Zunächst neues Erschrecken, dann mißmutige Zustimmung. – „Die falsche Konferenz am falschen Ort zur falschen Zeit“ – so lautet vielfach der Kommentar.

Im Westen war man überzeugt, die Sowjetunion werde diese Plattform für endlose Propagandareden und überlaute Tiraden zum Thema Aggression benutzen. John Foster Dulles spitzte seine Feder und bearbeitete das Thema indirekte Aggression. Die Rede lag fertig vor, wurde aber im letzten Moment kassiert, weil sich Präsident Eisenhower entschloß, selbst vor der UNO zu erscheinen und keine Attacken zu reiten, sondern einen großen konstruktiven Plan vorzuschlagen.

Und, o Wunder, auch die Resolution der Sowjetunion klang verhältnismäßig milde. Sie forderte nicht, wie erwartet, die Verurteilung der Truppenlandung, sondern sie verlangte lediglich, daß die UNO-Versammlung „die Notwendigkeit allgemeiner Maßnahmen zur Entspannung“ anerkenne. Es könnte also durchaus sein, daß diese so sehr gefürchtete Zusammenkunft wider alles Erwarten doch einige sinnvolle Ergebnisse zeitigt.

Noch ist freilich nicht sicher, ob die fünfte Sondersitzung der UNO in die Geschichtsbücher eingehen wird (im Unterschied zu den vielen vorher gewechselten Noten, die schon heute vergessen sind) – aber es ist gut möglich. Denn wenn auch jetzt, da diese Zeilen geschrieben werden, noch nicht feststeht, wie die Schlußresolution aussehen wird, die von zwei Drittel der Vereinigten 81 Nationen – also von 54 Ländern – angenommen werden muß (und wenn auch nicht sicher ist, ob das, was vielleicht beschlossen wird, schließlich auch ausgeführt werden kann), so ist doch bereits ein wichtiges Ereignis zu verzeichnen: der Wandel der amerikanischen Außenpolitik.

Er kündigte sich schon kurz vor der Sitzung an: nämlich bei der Anerkennung des Irak. Galt bisher die These, daß jegliche dem Westen nicht genehme Veränderung im Nahen Osten, ja, daß der ganze arabische Nationalismus mehr oder weniger ein Werk des Kreml sei, der durch sein Werkzeug Nasser bald hier, bald dort Unruhe stifte, so scheint man nun endlich einzusehen, daß die arabische nationale Bewegung ein Ding für sich ist, das unabhängig von Moskau sein Eigenleben führt. Tatsächlich war ja für die Beseitigung des Regimes Nun es Said der gleiche arabische Nationalismus verantwortlich, der den Bürgerkrieg im Libanon ausgelöst hatte, wofür das Zeugnis eines so unbestechlichen Mannes wie Dag Hammarskjöld vorlag. Aber wie gesagt, erst der Umsturz in dem ausgesprochen pro-westlichen Staat ließ im State Departement jene längst fällige Erkenntnis reifen.

Diese neue Einstellung wurde jetzt in New York bei der großen Rede des Präsidenten für alle deutlich. Eisenhower verlor kein Wort über die Rolle Gamal Abdel Nassers; statt dessen sprach er von den berechtigten Aspirationen des arabischen Nationalismus und erklärte, daß alle Staaten des Nahen Ostens der Segnungen des von ihm vorgeschlagenen Marshall-Planes für den Nahen Osten teilhaftig werden sollen. „Alle“ – das heißt: Es wird in Zukunft keinen Unterschied mehr geben zwischen den „Bösen“ (den Neutralen) und den „Guten“ (den Anhängern von Bagdadpakt und Eisenhower-Doktrin). Es scheint mithin sicher, daß diese Rede eine neue Phase der US-Außenpolitik eingeleitet hat.