In Tunis ist man über die Bundesregierung verstimmt. Der tunesische Verteidigungsminister hatte vor einigen Monaten durch seine Beauftragten bei der Firma Telefunken etwa zweihundert Tornisterfunkgeräte im Werte von rund 600 000 DM bestellt. Der Vertrag war unterschrieben. Da erhob das Auswärtige Amt Einspruch. Die Ausfuhr militärischer Ausrüstungsgegenstände ist nach der Embargo-Liste genehmigungspflichtig. Die beantragte Ausfuhrlizenz wurde nicht erteilt. Sie wurde aber auch nicht endgültig abgeschlagen. Man verhandelt noch über die Sache in Bonn und in Paris. Von französischer Seite wurde in mehreren Gesprächen eine wohlwollende Prüfung zugesagt. Das vielleicht nicht ganz unbegründete Hauptbedenken der Pariser Regierung ist, daß ein Teil der Funkgeräte in die Hände der algerischen Aufständischen gespielt werden könnte. Der tunesische Staatspräsident Bourgiba erklärte allerdings, die Geräte seien nur für seine Armee bestimmt.

Sei es nun, daß die Ämter eben auch in Frankreich nur zaudernd an heikle Dinge herangehen, sei es, daß in französischen Industriekreisen die Geschäftsverbindung der deutschen Firma in einem so eng mit Frankreich verbundenen Land nicht gern gesehen wird – jedenfalls steht das Resultat der in Aussicht gestellten Prüfung noch immer aus. Das Auswärtige Amt mahnt und wartet geduldig. Es möchte den französischen Verbündeten nicht verärgern. Die Erfahrungen, die England und Amerika im vorigen Jahr machten, als sie Bourgiba einige Waffen für seine kleine Armee schickten, sind unvergessen.

Da also Bonn ohne Paris nichts tun wollte und Paris nichts tat, handelte Bourgiba: er annullierte einen Auftrag im Werte von etwa 1,3 Milliarden Franc gleich 11 Millionen DM, den er an die Firma Siemens vergeben hatte. Es handelte sich dabei um den Neubau des Telephonnetzes in Tunesien. Angeblich soll die französische Firma CGCT (Compagnie Generale des Constructions Téléfoniques) den Auftrag erhalten. Die Sprecher Bourgibas machen aus dem auch ohne Kommentar unmißverständlichen Sinn der Demonstration ihres Chefs kein Hehl.

Wenn man mit Bonn doch nur über Paris verhandeln könne, so sagen sie, dann sei es besser, gleich direkt mit Paris zu verhandeln. Die Tunesier deuten an, daß der Siemens-Auftrag, der ja durch die Beschaffung der Ersatzteile später ergänzt würde, nur als Anfang weiterer geschäftlicher Verbindungen mit Deutschland gedacht war. Just das ist es aber, was die französische Konkurrenz nicht gern hört. Die französische Regierung hingegen weiß, daß Frankreich allein wirtschaftlich gar nicht in der Lage ist, die ökonomische Entwicklung der zu Frankreich gehörenden oder ihm nahestehenden afrikanischen Länder zu gewährleisten. Man darf auch den französischen Versicherungen glauben, daß Frankreich in Tunesien und den anderen afrikanischen Gebieten lieber die Deutschen als andere, mächtigere Geschäftspartner neben sich wirken sähe. Aber es ist ein weiter Weg von solch souveräner Erkenntnis über das Interessengestrüpp der Lobbyisten bis zum klärenden Beschluß.

Die Bonner Außenpolitik hat auf französische Empfindlichkeiten und Interessen immer wieder sehr viel Rücksicht genommen. Große Kapitalbeträge hat die Bundesrepublik Frankreich zur Verfügung gestellt. Aber es ist den guten Beziehungen und der guten Stimmung unter Verbündeten nicht zuträglich, wenn einseitig wirtschaftliche Opfer verlangt werden. Übrigens liegt es im Sinne der allgemeinen westlichen Politik, daß Tunesien über Frankreich hinaus mit Westeuropa, also auch der Bundesrepublik, wirtschaftlich mögsichst eng verflochten wird. R. Strobel