Wo man auch heute eine Zeitung aufschlägt oder eine Rede hört: es graviert. Der persische Hof hat sich zu einem gravierenden Entschluß durchgerungen. Dem Direktor ist bei seinen Ausführungen ein gravierender Fehler unterlaufen. Man hat einen gravierenden Hang, sich gravierend auszudrücken.

Nichts gegen das Wort selber. Es ist eine Verdeutschung des lateinischen Zeitworts gravare, erschweren, in dem die gleiche Wurzel vorliegt wie in gravis (schwer) oder in Gravitation. Offenbar ist hier eine Sinnvermischung mit dem französischen Verbum grauer, nämlich gravieren und einritzen, eingetreten, die Anlaß gegeben hat zu der Bedeutung „einschneidend“, abgesehen davon, daß das Vorhandensein dieses anderen „gravieren“ die Einbürgerung des ersten erleichtert haben mag.

Wenn ein Schreiber statt des gängigen Wortes „einschneidend“, „folgenschwer“, „erschwerend“ oder einfach „schwer“ ein entlegeneres wählt, möchte man verlangen, daß das Fremdwort Nuancen und also eine Genauigkeit zum Ausdruck bringt, die das gebräuchliche Wort vermissen läßt. Er mag noch gerechtfertigt sein, wenn er um der Emphase willen einmal ein fernerliegendes, gewichtigeres Wort verwendet. Einmal – aber nicht ständig.

Graveure, die es dauernd mit dem „Gravieren“ haben, scheinen einem Zwang zu anhaltender Emphase zu unterliegen. Sie sind auf der Suche nach ungewöhnlichen Vokabeln, um die Gewöhnlichkeit ihrer Stoffe zu überdecken. Wer täglich über Nichtigkeiten berichten muß – wie sollte der nicht in die Versuchung kommen, ihnen hin und wieder den Schein der Schwere zu verleihen, pardon, ihnen die fehlende Gravitation zu prokurieren? D. Z.